Seneca rät zu einem planvollen Umgang mit der Zeit

Seneca rät den Menschen ihr Leben in eigener Verantwortung zu führen und sich ihre Zeit peinlich genau einzuteilen. Vielen wird die Zeit offen oder heimlich gestohlen, oder sie entgleitet ihnen ganz unmerklich. Seneca schreibt: „Ein Teil unserer Zeit wird uns entrissen, ein anderer unbemerkt entzogen, ein dritter wieder zerrinnt uns. Am schimpflichsten aber ist wohl der Verlust durch Nachlässigkeit.“ Die meisten Menschen vergeuden ihr Leben laut Seneca mit unwürdigem Tun, mit Nichtstun oder mit belanglosen Beschäftigungen. Die wenigsten legen wirklich Wert auf eine gewissenhafte Einteilung ihrer Zeit. Es gibt kaum einen Menschen, der jeden Tag zu schätzen weiß und begreift, dass er jeden Tag stirbt.

Ein vertagtes Leben ist ein verpasstes Leben

Für Seneca ist es ein großer Irrtum, dass die Menschen den Tod nur immer vor sich sehen; er gehört vielmehr zu einem bedeutenden Teil schon zur Vergangenheit. Seneca erklärt: „Was von unserer Lebenszeit hinter uns liegt, hat schon der Tod.“ Er rät darum, das Heute fest in die Hände zu nehmen, um damit die Abhängigkeit vom Morgen zu verringern. Wer sein Leben vertagt, hat es schon verpasst. Nur die Zeit gehört den Menschen ganz allein, bei allen anderen Dingen können sie Mitbesitzer sein. Dennoch lassen sich viele Menschen ohne Bedacht aus diesem Besitz von jedem Beliebigen vertreiben.

Ein geschulter Verstand besitzt laut Seneca die Fähigkeit, einmal haltzumachen und bei sich selbst zu verweilen. Wer einen festen geistigen Besitz gewinnen will, soll sich mit zuverlässigen Partnern abgeben und sich bei ihnen geistige Nahrung suchen. Wer dagegen überall sein will, wird am Ende nirgends sein. Wer ständig unterwegs ist, wird keine wahren Freundschaften aufbauen können.

Die Furcht verfolgt die Hoffnung

Seneca freut sich, wenn er Menschen sieht, die darauf bedacht sind, sich von Tag zu Tag zu verbessern. Er rät ihnen, eine Lebensweise anzustreben, die besser ist als die gemeinhin übliche, nicht aber eine um jeden Preis abweichende. Er schreibt: „Sonst vertreiben wir diejenigen aus unserer Umgebung, die wir bessern wollen, und entfremden sie uns endgültig.“ Wer Philosophie studiert, hat laut Seneca schon viel gewonnen, denn sie verspricht natürliches Taktgefühl, gesittete Umgangsformen und Geselligkeit.

Beim Philosophen Hekaton hat Seneca den Gedanken gefunden, dass es zu den Mitteln gegen die Furcht gehört, seine Begehrlichkeiten aufzugeben. Hekaton behauptet: „Du wirst aufhören, Dich zu fürchten, sobald Du aufgehört hast zu hoffen.“ Für Seneca gehört beides eng zusammen, obwohl es sich zu widersprechen scheint. Denn der Hoffnung folgt die Furcht. Seneca schreibt: „Und ich wundere mich nicht, dass es so ist: beides gehört zu einem schwankenden Gemüt, das aufgeregt die Zukunft erwartet.“

Von Hans Klumbies


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