In der Armee können die Tage endlos sein

Als ich die vorletzte Seite des Romans „Tage ohne Ende“ las, liefen mir die Tränen über meine Wangen. Das ist mir zum letzten Mal vor circa 30 Jahren passiert, als ich das Buch „Der weiße Dampfer“ von Tschingis Aitmatow gelesen habe. „Tage ohne Ende“ handelt von der Liebe zweier irischer Soldaten in der Zeit der Indianerkriege und dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Bis zu ihrem Eintritt in die amerikanische Armee tanzten der Icherzähler Thomas McNulty und John Cole in Frauenkleidern in einem Saloon. In den Augen der einsamen Bergarbeiter waren sie junge hübsche Mädchen, deren Anblick sie für einige Minuten ihr Elend vergessen ließ. Der irische Autor Sebastian Barry erhielt als erster Schriftsteller überhaupt für seinen Roman „Tage ohne Ende“ zum zweiten Mal den Costa Book of the Year Award 2016.

Die Soldaten töten auch die Frauen und Kinder der Indianer

Im Jahr 1851 beginnt ihr hartes und gefährliches Leben in der Armee. Der Sold war der mieseste in ganz Amerika. Das Essen war ein Fraß, aber die beiden wollten nicht mehr hungern. Den Hunger hatten sie in ihrer Kindheit schon zur Genüge kennengelernt. In einem ihrer ersten Kämpfe gegen die Indianer rotteten sie ein ganzes Dorf aus. Nicht nur Krieger wurden getötet, sondern auch Frauen und Kinder niedergemetzelt. Es war eine grausige Aufgabe, die einen Rausch in Thomas McNulty auslöste – sein Herz raste nicht, sondern brannte in seiner Brust wie ein großes Stück Kohle.

Die gnadenlose Hitze und die klirrende Kälte setzte den Soldaten an so manchen Tagen unerbittlich zu: „Wir hatten Angst, auch nur eine Sekunde lang den Mund aufzumachen, der feuchte Atem hätte ihn festgefroren.“ Und immer wieder das Abschlachten der Indianer: Junge Indianermädchen liegen umher wie Opfer eines tödlichen Tanzes. Es ist, als hätten die Soldaten die menschliche Uhr des Dorfes angehalten, so hatte Thomas McNulty gedacht. Die Zeiger sind stehen geblieben und es wird keine Stunden mehr geben.

Der Amerikanische Bürgerkrieg ist ein einziges Gemetzel

Dass John Cole und Thomas McNulty nicht so herzlos sind, wie sie nach außen scheinen, beweisen sie, indem sie das Indianermädchen Winona in ihre Obhut nehmen. Fast noch grausamer als der Kampf gegen die Indianer ist der Amerikanische Bürgerkrieg. Sebastian Barry schreibt: „Die Verwundeten geben Geräusche von sich wie unfachmännisch geschlachtetes Vieh, Kehlen sind durchschnitten, aber eben nicht ganz. Gurgelnde Laute, unter Qualen gehaltene Gliedmaßen. Viele haben Bauchwunden, die von einem entsetzlichen Tod künden.“

Als Thomas McNulty wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt wird, rettet ihn sein ehemaliger Armeechef Major Neale. Seine Todesstrafe wird in 100 Tage Zwangsarbeit umgewandelt. Major Neale sagt zu ihm: „Sie haben meine Tochter gerettet, die einzige, die mir geblieben ist, und im Krieg haben Sie wie ein Hund gekämpft, und Ihr Dienst unter mir war stets vorbildlich.“ Nach seiner Entlassung beschlich Thomas McNulty ein unbeschreibliches Hochgefühl. Er spürte eine solche Freude wie ein Mann, der nicht nur dem Tod entgangen ist, sondern seinem eigenen verwirrten Ich.

Tage ohne Ende
Sebastian Barry
Verlag: Steidl
Leinen-Einband: 261 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-95829-518-6, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies

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