Salman Rushdie legt mit „Golden House“ einen Gesellschaftsroman vor

Der Schriftsteller Salman Rushdie, der sich mit seinem Buch „Die Satanischen Verse“ im Alleingang mit islamistischen Fundamentalisten anlegte, hat jetzt einen Roman über das Amerika des vergangenen Jahrzehnts geschrieben. Er trägt den Titel „Golden House“ und ist ein Gesellschaftsroman: Ein indischer Milliardär, der sich Nero Golden nennt, kommt Anfang 2009 mit seinen Söhnen nach New York. Zur gleichen Zeit lebt dort ein anderer Milliardär, denn alle Joker nennen, in Anspielung auf den Bösewicht der Batman-Comics. Dieser Joker fasst irgendwann einmal den Plan, Präsident der USA zu werden. Niemand nimmt seine politischen Ambitionen ernst. Doch es kommt anders. Der Joker wird Präsident und stellt anschließend die Grundlage des freien Amerika infrage. Hauptthema des Buchs sind die schwankenden, ungewissen Identitäten aller Figuren.

Es gibt unendlich viel Müll im Internet

Salman Rushdie erklärt: „Die Hauptcharaktere sind ja aufgebrochen, um ihre Identität zu verfälschen. Sie auszulöschen. Und sie durch eine andere zu ersetzen. Identität ist heute eine weltweite Obsession.“ Der Roman „Golden House“ umfasst die Jahre der Präsidentschaft Barack Obamas, die laut Salman Rushdie gute Jahre für Amerika waren, weil in dieser Zeit nicht viel falsch gelaufen ist. Heute dagegen leben die Amerikaner in einer Zeit, in der Leute Fake News verbreiten und echte Nachrichten Fake News nennen.

Salman Rushdie vertritt die These, dass diese Entwicklung zum großen Teil mit dem Internet zu tun hat, in dem die Wahrheit zerstört wird: „Es gibt so unendlich viel Müll im Internet, und der wird auf derselben Ebene behandelt wie die Wahrheit. Das Bewusstsein der Menschen für das, was real und was irreal ist, erodiert.“ Wenn die Welt so voll mit surrealen Unwahrheiten ist, könnte es die falsche Zeit sein, um die eigenen Bücher mit weiteren Unwahrheiten zu füllen. Salman Rushdie hat schon immer diese Paradoxie geliebt: dass Literatur der Ort ist, um Wahrheit zu suchen.

Literatur kann politisch wirksam sein

Es gibt wirklich viele Dinge in Amerika, die Salman Rushdie alarmieren, aber das Land befindet sich seiner Meinung nach noch nicht einmal in der Nähe eines faschistischen Staates: „Wir können hier reden, und niemand greift ein. Ich kann dieses Buch schreiben, und es ist mir egal, was der Präsident darüber denkt. Das sind doch alles Zeichen dafür, dass es immer noch eine ziemlich freie Gesellschaft ist.“ Salman Rushdie glaubt nicht daran, dass Literatur dafür da ist, irgendetwas Bestimmtes zu tun. Dass sie eine Aufgabe hat, Ziele zu erreichen oder so was.

Literatur ist für Salman Rushdie eben nicht Politik. Sie kann aber politisch wirksam sein. Zum Beispiel ein Porträt der Zeit zeichnen. In dem Roman heißt es: „Wir waren die Monster, die wir immer gefürchtet hatten.“ Das ist laut Salman Rushdie das zentrale Thema des Romans „Golden House“. Ob es möglich ist, zugleich böse und gut zu sein. Und Salman Rushdie denkt, die Antwort ist: offensichtlich ja. Denn die meisten Menschen haben doch gute wie schlechte Seiten. Sie haben Dinge getan, für die sie sich schämen, und Dinge, auf die sie stolz sind. Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies


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