Die Kultur hat den Menschen in wachsende Verwicklungen geführt

Es gibt Menschen, die suchen wahrhaftiges Glück, indem sie nach mehr Charakterentwicklung und Persönlichkeit streben und nach einer persönlichen Gestaltung ihres Daseins. Laut Rudolf Eucken muss hier die künstlerische Betätigung der ethischen Aufgabe weichen. Die Entwicklung der Persönlichkeit geht einher mit einer Umwälzung der vorgefundenen Wirklichkeit und dem Aufbau einer neuen Realität. Schon Immanuel Kant erkannte deutlich, dass es kein Persönlichwerden ohne eine Erhebung des Lebens zur Freiheit, Selbstständigkeit und Ursprünglichkeit gibt. Die Welt des natürlichen Daseins gewährt für solche Forderungen allerdings keinen Platz. Später sah es allerdings manchmal so aus, als sein ohne viel Anstrengung eine wesentliche Erhöhung des Lebens erreichbar. Rudolf Eucken hält diese Vorstellung für einen groben Irrtum.

Die Menschen stehen ihrem allmächtigen Schicksal wehrlos gegenüber 

Was in früheren Zeiten eine feste Grundlage des Glücks und eine Hilfe zu seiner Entwicklung gewährte, gibt den Menschen der Gegenwart nicht mehr genügend Halt. Ihnen fehlen die mächtig auf sie eindringenden Wirkungen der Welt. Dagegen kann der Besitz einer geschlossenen Gedankenwelt, Zweifel und Nöte mildern, auch wenn im besonderen eine einzige alles beherrschende Wahrheit fehlt. So stehen die Menschen gemäß Rudolf Eucken einem allmächtigen Schicksal gegenüber wie wehrlos da.

Es scheint sich deutlich abzuzeichnen, dass eben das, was den Menschen über die bloße Natur hinausführt, ihn in ungeheure Probleme verwickelt, denen er nicht gewachsen ist. Rudolf Eucken schreibt: „Unverkennbar erhebt sich bei ihm eine neue Art des Lebens und scheidet ihn von den anderen Wesen. Dies Leben aber scheint in der großen Welt keine Unterstützung und Förderung zu finden, es sieht sich an undurchsichtige Bedingungen gebunden und wird vom Lauf der Dinge als gleichgültig behandelt.“

Denkende Menschen stoßen auf die Idee der Unendlichkeit und Ewigkeit

Wenn ein Mensch zu denken beginnt, kommt er früher oder später auf die Idee der Unendlichkeit und Ewigkeit und zerstört damit gleichzeitig alle Befriedigung beim Zeitlichen und Endlichen. Von der Unendlichkeit aus betrachtet, muss dem Menschen sein Tun und Treiben als unsäglich klein erscheinen. Der denkende Mensch kann nicht umhin, seinen Lebenskreis als eng begrenzt, ja nichtig zu empfinden. Der Gedanke der Ewigkeit setzt alle Ausdehnung des menschlichen Lebens zu einer verschwindenden Spanne herab und droht im alle Lust und Mut zu rauben.

Je mehr ein Mensch seine Eigentümlichkeit entwickelt und je weiter ihn sein Denken über das nächste Dasein hinausträgt und ihm zugleich das Gefühl einer Freiheit vermittelt, desto härter scheint der Widerstand einer fremdartigen Welt, die jener Bewegung nicht folgt, desto schwerer auch der Druck der Verkettung der Dinge. Rudolf Eucken schreibt: „Deutlich genug zeigt auch der unmittelbare Anblick der menschlichen Erfahrung, dass der Fortgang der Kultur den Menschen weit mehr in wachsende Verwicklung geführt, als ihm ein reines und volles Glück beschert hat.“

Von Hans Klumbies

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