Rudolf Eucken beschreibt die Aufgaben der Philosophie

Für Rudolf Eucken, der im Jahr 1908 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ist die Philosophie nicht nur voller Probleme, sondern auch als Ganzes ein Problem und wird es in Zukunft auch bleiben, was sich an ihrer verschiedenartigen Einschätzung und umstrittenen Stellung zeigt, die ihr das menschliche Leben gibt. Rudolf Eucken schreibt: „Einerseits heißt sie die Königin der Wissenschaften, und ein ihr geweihtes Leben dünkt die Höhe des menschlichen Daseins, Geister allerersten Ranges bemühten sich, ihr zu dienen, und in den Gesamtstand der Menschheit griff sie oft mit mächtiger Wirkung ein.“ Rudolf Eucken betont, dass dabei dies Wirken die vielfältigsten Verzweigungen einging.

Die Philosophie ist ein unentbehrlicher geistiger Besitz der Menschheit

Bei Platon zum Beispiel entrang die Philosophie gemäß Rudolf Eucken dem trüben Gemenge des Alltags hohe Ideale und hielt sie dem Streben als ferne Richtsterne vor. Bei Aristoteles versuchte sie allen Reichtum der Wirklichkeit in ein Ganzes zu fassen und das Leben einer gleichmäßigen Gliederung zu unterziehen. Im späten Altertum dagegen war die Philosophie ein sicherer Halt und Trost gegen alle Sorgen und Nöte. In der Neuzeit wirkte sie zur Befreiung der Geister und als eine Leuchte aufsteigender Kultur und vollzog zugleich eine gründliche Prüfung des überkommenen Lebensstandes und suchte die Menschheit über die Grenzen ihres Vermögens gewissenhaft aufzuklären.

Wenn man die Geschichte der Philosophie betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass alles Große ihrer Hilfe und Mitarbeit bedurfte. Rudolf Eucken schreibt: „Wo immer sie fehlte, da verlor das Leben an Ursprünglichkeit, an Freiheit, an Tiefe. In diesem Gedankengange erscheint die Philosophie als ein unentbehrliches Hauptstück des geistigen Besitzes der Menschheit.“ Dennoch erwuchsen ihr zu allen Zeiten zahlreiche Gegner, die sie für überflüssig erklärten, ja sogar als schändlich verwarfen.

Einst hat die Philosophie das Denken der Menschen tief erschüttert

Gefährlicher aber als alle Bekämpfung von außen her war laut Rudolf Eucken die Unsicherheit der Philosophie bei sich selbst, das Auseinanderfallen ihrer Arbeit, ihre Spaltung in verschiedene Sekten, deren jede, um sich selbst zu behaupten, alle übrigen glaubte vernichten zu müssen. Rudolf Eucken erklärt: „Dieser Streit droht ohne Abschluss und ohne Ergebnis zu bleiben, er scheint im Laufe der Jahrhunderte eher zu wachsen als abzunehmen.“ Von dieser Tatsache ausgehend, bleibt es beinahe unverständlich, wie die Philosophie dennoch ihren tiefen Einfluss auf das Denken und Leben der Menschen zu gewinnen vermochte.

Früher wie heute wird der Philosophie oft kein anderes Ziel vorgegeben wie das, die Arbeit der einzelnen Wissenschaften zusammenzufügen und ihre Leistungen in einem Gesamtbild zusammenzufassen. Bleibt sie allerdings an den übermittelten Stand des Wissens gebunden, hat sie für Rudolf Eucken das Recht verwirkt, von sich aus zu prüfen und weiterzubilden. Bei einer solchen Beschränkung verliert die Philosophie ihren Status als eigenständige Wissenschaft und verkommt zur bloßen Enzyklopädie. Von ihr wird dann keine tiefe Erschütterung und fruchtbare Weiterbildung des Denkens mehr ausgehen können, wie sie doch, wenn man nur an Platon oder Immanuel Kant denkt, von der Philosophie einst tatsächlich ausgegangen ist.

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

 

 

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