Rollo May untersucht die Sexualität und die Liebe

In seinem bedeutenden Werk „Love and Will“ (1969), das 1970 unter dem Titel „Der verdrängte Eros“ in Deutschland erschien, nimmt Rollo May im ersten Teil des Buchs das Verhältnis des modernen Menschen zur Sexualität und zur Liebe ganz genau unter die Lupe. Rollo May hob hervor, dass die Menschen am Rande oder schon inmitten eines sexuellen Chaos leben. Obwohl der Sexualtrieb befreit wurde, sind die Menschen durch ihre Freiheit nicht glücklicher geworden. Denn parallel zur Befreiung gab es eine Entwertung der Sexualität, die vielfach nur noch als Triebgeschehen und sexuelle Abreaktion angesehen wird.

Zur Erotik gehören die Liebesgefühle

Die Menschen streben danach, sexuell bestens zu funktionieren und übersehen dabei, dass die Liebesgefühle das Nonplusultra der Erotik sind. Rollo May ist geneigt, von einem neuen Puritanismus zu sprechen, bei dem die Gefühle so radikal verdrängt werden wie vorher die Triebe. Man könnte sogar sagen, es ist eine Mechanisierung von Sex und Liebe eingetreten.

Sigmund Freud und seine Anhänger glaubten, das Erotische als einen Ableger des Sexuellen begreifen zu können. Aber Gefühle haben nichts mit zielgehemmten Trieben zu tun. Sie haben ihre eigenen Ursprünge, Gesetzte und Formen des Vollzugs. Mag sein, dass der Trieb im Wesentlichen zur Reduktion der Spannung tendiert. Gefühle wollen aber nicht bloß abreagiert werden. Gefühle stehen für die Aufnahme einer Beziehung, der Erfahrung von Werten und der Erhöhung der inneren Werte des Fühlenden.

Der Ausdruck einer Liebe ist der Austausch von Zärtlichkeiten

Unter Liebe versteht Rollo May das kontinuierliche Bemühen, sich mit einem bewunderten oder anerkannten Du möglichst weitgehend zu vereinigen. Ihr Ausdruck ist nicht in erster Linie die Trieberfüllung, sondern der Austausch von Zärtlichkeiten mit Worten oder Handlungen. Während man laut Rollo May die Sexualität mit der biologistischen Vokabel Spannungsverminderung beschreiben kann, liegt im Umfeld der Erotik die Idee der Selbstverwirklichung, die Erhöhung des eigenen Daseins mit der Gemeinschaft der anderen.

Eine Psychologie der Liebe ist nach May ebenso wichtig wie eine Psychologie der Sexualität. Liebe ist für ihn eine der Erfahrungen der Endlichkeit des Daseins, also auch teilweise das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit. Der Mensch kann erst richtig und fundamental lieben, wenn er sich mit der Tatsache auseinandergesetzt hat, dass er sterben muss. Nur auf dem emotionalen Hintergrund des Bewusstseins des Todes erhält die Liebe ihren inneren Reichtum.

Kurzbiographie: Rollo May

Rollo May wurde 1909 in Michigan (USA) geboren. Er studierte Psychologie und Philosophie, wobei er sehr von Alfred Adler beeinflusst wurde, dessen Schüler er zunächst in Wien und dann in New York war. In den späten 30iger Jahren schloss er sich dem William-Alanson-White-Institute für Psychiatrie in Washington an. Rollo May lehrte an vielen Universitäten, unter anderen in Yale, an der Columbia University und in Princeton.

Vor seinem Tod 1994 arbeitete er als Lehranalytiker und frei praktizierender Psychotherapeut in New York. Zu seinen Büchern, die teilweise Massenauflagen erzielten, zählen unter anderen: „The Meaning of Anxiety“ (1950), „Man`s Search for Himself“ (1953), „Die Sprache des Unbewussten“ (1968), „Der verdrängte Eros“ (1969) und „Die Quellen der Gewalt. Eine Analyse von Schuld und Unschuld“ (1972).

Von Hans Klumbies

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