Rolf Dobelli vergleicht den Hedonismus mit der Eudämonie

Im 5. Jahrhundert vor Christus vertrat eine Minderheit der Philosophen, die sogenannten Hedonisten, die Meinung, dass ein gutes Leben aus dem Konsum möglichst vieler unmittelbarer Genüsse bestehe. Rolf Dobelli erklärt: „Das Wort hedonistisch stammt aus dem altgriechischen „hedoné“, was Freude, Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde bezeichnet.“ Die meisten Philosophen vertraten allerdings den Standpunkt, dass unmittelbare Genüsse nieder, dekadent, ja tierisch seien. Was ein gutes Leben ausmache, seine vor allem die sogenannten höheren Freuden. Das Streben nach diesen höheren Freuden nannten sie „Eudämonie“. Viele Philosophen kamen zu dem Schluss, die Eudämonie sei vor allem ein Gefäß für guten Tugenden. Nur ein ehrenhaftes Leben sei ein gutes Leben. Der Bestsellerautor Rolf Dobelli ist durch seine Sachbücher „Die Kunst des klaren Denkens“ und „Die Kunst des klugen Handelns“ weltweit bekannt geworden.

Der Hedonismus setzt auf unmittelbare Genüsse

Manche Tugenden galten nach dieser Sichtweise als besonders glücklich machend: Platon und Aristoteles etwa meinten, der Mensch müsse möglichst mutig, tapfer, gerecht und weise sein. Diese Ansicht übernahm die katholische Kirche dankbar einige Jahrhunderte später und legte folgende Kardinaltugenden fest: Frömmigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Verständnis. Laut dem Psychologen Paul Dolan von der London School of Economics hat jeder erlebte Augenblick zwei Komponenten: eine Lustkomponente (oder hedonistische Komponente) und eine Sinnkomponente.

Die hedonistische Komponente, das sind die unmittelbaren Genüsse. Mit der Sinnkomponente hingegen ist die Sinnhaftigkeit eines Augenblicks gemeint. Zum Beispiel hat der Verzehr von Schokolade für die meisten Menschen eine hohe hedonistische, aber eine geringe Sinnkomponente. Einer alten Frau über die Straße zu helfen hingegen hat eine geringe Lust-, aber eine hohe Sinnkomponente. Getreu dem Motto: „Ich weiß es, wenn ich es sehe“ weiß jeder Mensch sofort, wie sinnvoll oder sinnleer ein erlebter Augenblick ist.

Genuss und Sinnhaftigkeit machen einen guten Film aus

Sinnhaftigkeit und Genuss, das sind die beiden Grundsteine von Glück – „eine mutige und originelle Sichtweise“, wie der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann kommentiert. Jedes Jahr produziert Hollywood 400 bis 500 Filme – ein Milliarden-Geschäft. Kein Wunder also, dass Forscher herauszufinden versuchen, warum Menschen ins Kino gehen, um daraus das Rezept für den sicheren Blockbuster zu bauen. Lange Zeit herrschte die sogenannte hedonistische Filmtheorie vor: Gibt den Zuschauern gerade genügend Spannung – nicht zu langweilig, nicht zu stressig –, um sie aus ihrer banalen Realität zu entführen.

Liefere ihnen schöne Schauspieler und unterhaltsame Geschichten mit einem Happy End. Doch immer wieder gibt es Blockbuster, deren Erfolg nicht auf diesem Rezept beruht, die also hedonistisch nicht zu erklären sind – zum Beispiel „Das Leben ist schön“, „Schindlers Liste“ oder „A Beautiful Mind“ – „Genie und Wahnsinn“. Erst in neuerer Zeit hat die Filmforschung bestätigt, was gute Regisseure und Schriftsteller seit jeher wussten: Neben dem reinen Genuss gibt es eben auch die Komponente der Sinnhaftigkeit. Quelle: „Die Kunst des guten Lebens“ von Rolf Dobelli

Von Hans Klumbies

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