Die meisten Männer haben keinen besten Freund

Die entscheidenden Schwachstellen des sogenannten „neuen Manns“ sind der untrainierte Zustand zu seinen Gefühlen und die alten Männlichkeitsbilder, mit denen er diesen Gefühlen begegnet. Richard Schneebauer fügt hinzu: „Was ihnen jedoch – von Beginn ihres Lebens an – dabei am meisten fehlt, sind offene und wertschätzende Gespräche mit anderen Männern.“ Das Fehlen ist ihnen aber zumeist gar nicht bewusst, denn sie erleben es ja als normal, dass Männer nicht über ihre Gefühle sprechen. Dadurch erleben sie den Druck, ihre Sorgen, Nöte und Ängste, das Versagen bei all diesen Ansprüchen als individuelles Phänomen, als persönliches Scheitern. Die wichtigste und größte Quelle für offene, wertschätzende Gespräche wären natürlich Freude. Da zeigt die Männerforschung aber ein trauriges Bild: 80 bis 85 Prozent der haben demnach keinen besten Freund, definiert als einen Mann, dem sie erzählen wie es ihnen wirklich geht. Dr. Richard Schneebauer ist Soziologe und seit 17 Jahren in der Männerberatung tätig.

Männer müssen mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen

Es bedeutet nämlich für einen Mann einen enormen Gewinn, sich mit anderen Männern offen auszutauschen. Richard Schneebauer geht sogar so weit zu sagen, dass offene Gespräche unter Männern – ohne ständiges Vergleichen und dem anderen beweisen zu müssen, wer der Bessere ist – sich als eine Art Königsweg zu wahrer Männlichkeit, Erfolg und echter Stärke erweisen. Die Zeit ist reif und wer genau hinschaut merkt, dass Männer mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen und dabei lernen müssen, was ihnen in einem tieferen Sinne wirklich guttut.

Dabei ist es völlig egal, was alte oder neue Rollenzuschreibungen ihnen vorgeben. Richard Schneebauer bemerkt eine Veränderung auf Seiten der Männer: „Die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Verhalten zu beschäftigen, nimmt zu.“ Denn eines ist klar: Die Frauen von heute und die Arbeitswelt von morgen verlangen von den Männern, dass sie wissen, wer sie wirklich sind. Das alte Rollenbild vom Mann als stummem Familienversorger mag in den Köpfen noch existieren, im realen Leben von heute ist ein anderes Männermodell gefragt.

Seelische Selbsterfahrung tut Männern gut

Das heißt für Richard Schneebauer allerdings nicht, dass traditionelle männliche Werte, wie Durchsetzungsfähigkeit, Lösungsorientierung oder Rationalität, nichts mehr zählen, dass sich Männer nicht mehr mit anderen messen dürfen, ihren Körper bei der Arbeit einsetzen, mal einfach ein Bier trinken und Belangloses reden oder schweigen dürfen, das Geld für die Familie verdienen und dafür auch mal durchbeißen. Aber es ist dringend notwendig, all das um ein großes Stück Selbsterfahrung der seelischen, der gefühlsmäßigen Art zu erweitern.

Veränderung heißt, etwas bleibt nicht so, wie es war, es heißt aber auch, noch nicht genau zu wissen, wie etwas wird, es heißt, ein bestimmtes Maß an Unsicherheit aushalten zu können. Dieses Aushalten heißt für Männer innezuhalten und wahrzunehmen, sich ein- und zugestehen, nicht Aushalten im Sinne von Wegdrücken, sich nicht spüren oder sich innerlich dafür abzuwerten und daher eine coole Fassade zu zeigen. Richard Schneebauer zieht folgendes Fazit: „Eine ganz große Schwierigkeit liegt also in den inneren traditionellen Bildern, wie problemfrei, erfolgreich und stark ein Mann zu sein hat.“ Quelle: „Männerabend“ von Richard Schneebauer

Von Hans Klumbies

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