Richard E. Nisbett weist auf die Macht der Situation hin

Die meisten Menschen unterschätzen – oder ignorieren völlig – einige höchst bedeutsame und nachhaltige situative Einflüsse auf Überzeugungen und Verhalten. Richard E. Nisbett erklärt: „Als direkte Konsequenz dieser „Kontextblindheit“ neigen wir dazu, den Einfluss persönlicher, „dispositioneller“ Faktoren – Präferenzen, Persönlichkeitsmerkmale, Fähigkeiten, Pläne und Motive – auf das Verhalten in einer bestimmten Situation zu unterschätzen.“ Die Vernachlässigung einer bestimmten Situation wie auch die Überbewertung innerer Faktoren treten selbst dann auf, wenn man versucht, die Gründe für die eigenen Urteile und Handlungen zu analysieren. Noch viel schwerwiegender ist das Problem jedoch, wenn ein Mensch die Ursachen für das Verhalten seiner Mitmenschen zu ergründen sucht. Er muss viele kontextuelle und situative Aspekte berücksichtigen, wenn er sich ein Urteil bilden oder etwas Bestimmtes tun will. Richard E. Nisbett ist Professor für Psychologie an der University of Michigan.

Manchmal führt eine Kette von Glücksfällen zum Erfolg

Dabei verschließt sich einem Menschen jedoch möglicherweise der Blick auf die Situation, der sich eine andere Person gegenübersieht. Darum ist es sehr wahrscheinlich, dass man die Bedeutung, die die Situation auf das Verhalten des anderen hat, unterschätzt und inneren Faktoren zu viel Bedeutung beimisst. Richard E. Nisbetts Ansicht nach ist die Missachtung der Relevanz von Kontexten und Situationen und die daraus folgende Überschätzung der Rolle persönlicher Veranlagungen der verbreitetste und folgenreichste Denkfehler, den Menschen begehen.

Bei der Tendenz zu diesem Fehler gibt es jedoch beträchtliche kulturelle Unterschiede. Das nährt die Hoffnung, dass es den Menschen in dafür anfälligeren Kulturkreisen noch gelingt, ihn bis zu einem gewissen Grad abzulegen. Den Erfolgen zahlreicher Personen ist eine Kette von Glücksfällen vorausgegangen, die fast allen anderen Menschen verborgen bleiben. Manchmal bleiben wichtige Einflüsse im Dunkeln. Doch selbst wenn ein Mensch situative Faktoren, die sich nachhaltig auf sein Verhalten auswirken, ihm ins Auge springen müssten, ignoriert er zuweilen ihre Bedeutung.

Das eigene Verhalten wird stark von den Mitmenschen geprägt

Es fällt den meisten Menschen schwer, über die äußere Erscheinung einer Person hinauszusehen und das Ausmaß zu erkennen, in dem soziale Rollen das Verhalten beeinflussen, selbst wenn die zufällige Verteilung der Rollen und die mit bestimmten Rollen verbundenen Privilegien überdeutlich hervorgehoben werden. Man vertraut Menschen, denen man mistrauen sollte, man geht Menschen aus dem Weg, die eigentlich ausgesprochen nett sind, man stellt Menschen ein, die im Grund jegliche Kompetenz vermissen lassen.

Und das geschieht alles, weil man die situativen Kräfte nicht durchschaut, die möglicherweise auf das Verhalten der Betreffenden einwirken. Richard E. Nisbett fügt hinzu: „Infolgedessen gehen wir davon aus, dass ihr zukünftiges Verhalten die Dispositionen widerspiegeln wird, die wir aus ihrem gegenwärtigen Verhalten ableiten.“ Außerdem tut man ständig Dinge, weil andere Menschen sie auch tun. Sie liefern die Modelle für das eigene Verhalten und ermuntern einen häufig, offen oder stillschweigend, ihrem Beispiel zu folgen. Und damit haben sie mehr Erfolg, als man sich vorstellen kann. Quelle: „Einfach denken!“ von Richard E. Nisbett

Von Hans Klumbies


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