Richard David Precht macht sich Gedanken über die Arbeit der Zukunft

Aktuell bildet sich eine Tendenz ganz klar heraus. Sehr viele Berufe fallen in Zukunft weg. Von den „Jobs“ des Niedriglohnsektors über einfache bis hin zu vergleichsweise anspruchsvollen Dienstleistungsberufen. Richard David Precht erläutert: „Und selbst wenn wir viele Berufe des neuen Arbeitsmarktes noch nicht kennen – daran zu glauben, dass die Beschäftigung konstant bleibt oder gar steigt, ist fahrlässig bis irrsinnig.“ Denn die Digitalisierung – und das unterscheidet sie von früheren industriellen Revolutionen – erobert kein neues Terrain, sondern sie macht bestehendes effektiver. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Digitalisierung die Produktion gewaltig beflügeln wird. Aber was die Beschäftigung anbelangt, so muss diese nicht zwangsläufig dann steigen, wenn die Produktion sich erhöht. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Industrielle Revolutionen gingen immer einher mit der Globalisierung

Mindestens zwei Gründe sprechen dagegen. Die drei bisherigen industriellen Revolutionen gingen einher mit der Globalisierung. Als James Hargreaves 1764 die Spinnmaschine erfand, fuhren die englischen und niederländischen Ost- und Westindiensegler bereits seit 150 Jahren über die Weltmeere und handelten mit Gewürzen, Sklaven und Baumwolle. Was sie neue Technologie effektiv machte – das Spinnen von Baumwolle –, versorgte der globale Handel mit gewaltigem Nachschub. Noch waren die weit entfernten Länder nur Rohstofflieferanten, doch der Imperialismus entdeckte davon immer mehr.

Was wäre der Kraftfahrzeugbau der zweiten industriellen Revolution ohne den Kautschuk, den Rohstoff für Gummi, den die Belgier unter barbarischen Umständen aus dem Kongo heranschafften? Die dritte industrielle Revolution machte Südostasien zur verlängerten Werkbank der Textilindustrie, Brasilien und Argentinien zu Tierfutterproduzenten. Billige Fertigung und neue Absatzmärkte für Autos, Maschinen und Unterhaltungselektronik gingen Hand in Hand. In gleichem Maße wie die Wirtschaft effektiver produzierte, vergrößerte sich das verfügbare Volumen von Rohstoffen und Absatzmärkten.

Geschäfte über digitale Plattformen erzeugen keinen Mehrwert

Doch genau dieser Prozess gerät heute ins Stocken. Richard David Precht erklärt: „Der Kampf um die letzten natürlichen Ressourcen wird aktuell vom sogenannten Westen und von China gleichzeitig geführt. Wo früher wenige Länder unter sich waren, konkurrieren heute die Volkswirtschaften von mehr als zwei Milliarden Menschen.“ Anders als bei den früheren technischen Revolutionen ist der Kuchen heute verteilt – es kommt nichts hinzu, was bei effektiverer Produktion zu mehr Beschäftigung führt.

Apropos Produktion – der besondere Reiz vieler digitaler Geschäftsmodelle liegt darin, dass sie im herkömmlichen Sinne gar nichts produzieren. Geschäfte über eine Plattform zu machen, statt über herkömmliche Firmen oder Banken, erzeugen keinen Mehrwert. Das Gleiche gilt für das gezielte Bewerben des Konsumenten durch Ausschlachten von Personendaten. Gewinne und volkswirtschaftlicher Nutzen von Maschinen, Autos, Flugzeugen, Bahntrassen, Straßen, Gebäuden und so weiter lassen sich zueinander in Bezug setzen. Die Gewinne von Facebook und Google zu ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen nicht. Quelle: „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies

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