Wissenschaftler rufen das geologische Zeitalter des Anthropozäns aus

Der Berliner Geologe Reinhold Leinfelder ist davon überzeugt, dass die Menschheit die Erde in ein neues geologisches Zeitalter katapultiert hat. Es hängt allein von den Menschen selbst ab, ob sie das Anthropozän überleben werden. Reinhold Leinfelder hat einen Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin und gehört einem internationalen Expertengremium an, das nach mehrjähriger Beratung empfohlen hat, das Erdzeitalter des Holozäns für beendet zu erklären. Nach dem Urteil der Wissenschaftler ist diese Epoche, die vor circa 11.700 Jahren begann und von stabilen Umweltbedingungen geprägt war, bereits um das Jahr 1950 einer neuen geologischen Ära gewichen – dem vom Menschen geprägten Anthropozän. Reinhold Leinfelder hat die Hoffnung auf eine Rettung der Erde noch nicht aufgegeben: „Wir Menschen mögen als Parasiten unseres Planeten erschienen, aber das muss ja nicht so bleiben. Gerade weil wir wissen, was die Stunde geschlagen hat, können wir gegensteuern.“

In „Beachrocks“ in den Tropen stecken bereits Coladosen oder Autoreifen

Das Erdsystem hat sich durch den Menschen nachhaltig verändert. Was die Forscher seit 1950 vorfinden, das ist anders als die gesamte Welt des Holozäns. Normalerweise arbeiten Geologen mit Jahrmillionen alten Gestein. Doch das Anthropozän, das die Expertengruppe vorschlägt, ist so jung, dass es noch kein Gestein dieser Ära gibt. Reinhold Leinfelder erklärt: „Das ist ein Missverständnis. Manche Sedimente verhärten ganz schnell. In „Beachrocks“ in den Tropen stecken bereits Coladosen oder Autoreifen. Andererseits gibt es auch sehr alte Sedimente, die immer noch locker sind.“

Wenn ein Geologe der Zukunft weltweite Vergleiche anstellt, wird er feststellen, dass sich das Leben homogenisiert hat. Viele Lebensformen treten heute global auf, die früher nur regional vorkamen, die Nutzpflanzen zum Beispiel oder die Nutztiere. Rund 90 Prozent der Biomasse an Säugetieren bestehen inzwischen aus dem Menschen und seinen Nutztieren. Der Mensch ist wie jedes Lebewesen ein biologischer Faktor. Er nimmt etwas auf, scheidet etwas aus, verändert seine Umwelt. Jetzt ist er aber von einem biologischen Faktor zu einem geologischen Faktor geworden, der global wirkt. Das ist der Unterschied.

Der Anthropozän-Gedanke lautet: Alles hängt mit Allem zusammen

Reinhold Leifelder klagt an: „Wir haben Umweltveränderungen ausgelöst, die schneller ablaufen als alles, was wir als Geologen kennen. Der Meeresspiegel steigt, die Temperaturen steigen, Arten sterben in hohem Tempo aus.“ Der Begriff Anthropozän ist für Reinhold Leinfelder allerdings keineswegs misanthropisch, sondern passt sehr gut für die gegenwärtige Situation der Menschheit. Denn übersetzt heißt Anthropozän: „das menschlich Neue“ oder „das menschengemacht Neue“. Heute produziert die Menschheit zum Beispiel pro Jahr eine Menge an Kunststoff, die der Biomasse aller lebenden Menschen entspricht. Ein Großteil davon landet irgendwann in den Sedimenten.

Reinhold Leinfelder fordert: „Das Anthropozän muss mehr sein als nur das mahnende Aufsummieren aller bösen Veränderungen, die wir der Welt angetan haben. Der Anthropozän-Gedanke lautet: Alles hängt mit Allem zusammen. […] Wenn wir es richtig anstellen, wird das Anthropozän lange existieren, vielleicht sogar viel länger als das Holozän. Machen wir es hingegen falsch, dann rutschen wir in eine Treibhauszeit hinein. Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies


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