Ralf Dahrendorf erforscht den Aufstieg der Bürgerrechte

Menschen haben nach Ralf Dahrendorf ein feines Gespür für Unrecht und auch für Vorrechte, lange bevor sich das öffentlich kundtut. Sie handeln aus ihrer grundeigenen Interessenlage, wobei es gleichgültig ist, ob es Parteien zu deren Organisation gibt oder nicht. Ralf Dahrendorf erklärt: „Soziale Kräfte sind also mehr als eine Erfindung der soziologischen Phantasie. Aber sie werden erst dann sichtbar, greifbar und vor allem wirksam, wenn sie in politischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen ihren Ausdruck finden.“ Im gleichen Moment treffen sie dann auch auf andere Kräfte und Einflüsse, die die Lage unübersichtlich machen. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse ist dabei für Ralf Dahrendorf nie die einzige Grundlage politischer Interessen.

Die Entwicklung neuer Bürgerrechte geschieht sprunghaft

Bei der Erforschung der Ausweitung der Bürgerrechte vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 1970iger Jahre kommt Ralf Dahrendorf zu folgenden Schlussfolgerungen. Erstens fühlt er sich in seiner theoretischen Vermutung bestätigt, dass die Entwicklung immer neuer Anrechte der Bürger sprunghaft erfolgt ist. Er schreibt: „Sie war nicht ein Prozess des allmählichen Zuwachses, sondern ging in oft großen Stufen vor sich. Jede wichtige Anrechtsveränderung ist mit einem erinnerungswerten Ereignis verbunden. Das gilt insbesondere für jene harten Anrechte, die in Recht und Gesetz verankert worden sind.“

Ralf Dahrendorf nennt als Beispiel die Ausweitung des Wahlrechts in Großbritannien: 1918 wurde das allgemeine und beinahe gleiche Wahlrecht für Männer über 21 und Frauen über 30 Jahre eingeführt; 1968 wurde das Wahlalter auf 18 Jahre gesenkt. Weichere Anrechte lassen sich seiner Meinung nach nicht so leicht mit bestimmten Anlässen verbinden. Die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum erfüllten Bürgerstatus lassen sich jedoch klar bestimmen. Ralf Dahrendorf schreibt: „Oft bezeichnen sie gefeierte Daten des konstitutionellen, politischen und sozialen Wandels.“

Die Ausweitung der Bürgerrechte sind in der Regel ein wirklicher Fortschritt

Der zweite Schluss, der sich für Ralf Dahrendorf bei der Erforschung des Fortschritts der Bürgerrechte aufdrängt, ist, dass es sich im Ganzen wirklich um Forschritt handelt. Er hat festgestellt, dass es lange Phasen gibt, in denen wenig passiert, aber wenn etwas geschieht, ist es in der Regel eine Verbesserung. Ereignisse, die frühere Errungenschaften rückgängig machen, sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Ralf Dahrendorf erklärt: „Das Naziregime in Deutschland bedeutete nicht nur die Aufhebung der Bürgerrechte und der politischen Anrechte, sondern führte auch zur Reduktion bestimmter sozialer Anrechte aller Bürger; es war das Ergebnis einer großen, lang anhaltenden, am Ende dramatischen Verfassungskrise.“ Dies ist allerdings die Ausnahme. In der Regel ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Bürgerstatus nicht wieder zurückgenommen wird, wenn er erst einmal einen bestimmten Punkt erreicht hat. Geschieht es dennoch, ist ein Bruch der politischen Kontinuität vorausgegangen.

Von Hans Klumbies

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