Ralf Dahrendorf fordert eine Weltbürgergesellschaft

Unter allen wichtigen Dingen, die es zu tun gibt, sind für Ralf Dahrendorf diejenigen am wichtigsten, die Menschen in bisher benachteiligten Teilen der Welt helfen, den Weg zu freien Bürgergesellschaften zu finden. Die Bewohner in unterentwickelten Staaten brauchen nicht nur ein größeres wirtschaftliches Angebot, sondern auch die vollen Anrechte des Bürgerstatus und beide müssen in einem breiten Spektrum von Assoziationen und autonomen Institutionen verankert werden. Ralf Dahrendorf schreibt: „Regierungen können helfen, den Angebotsprozess in Gang zu bringen; internationale Organisationen können bürgerliche Anrechte stabilisieren helfen. Alles Übrige aber ist die Aufgabe von nationalen und internationalen „NGOs“, also Nicht-Regierungs-Organisationen.“

Die überwältigende Mehrheit aller Menschen ist arm

Während es in den Industrienationen einer Mehrheit recht gut geht und eine Minderheit herausdefiniert wird, bilden sie selbst auch nur eine Minderheit der Menschheit. Die überwältigende Mehrheit aller Menschen ist arm und unterprivilegiert. Ralf Dahrendorf erklärt: „Für sie alle gilt – ähnlich wie für die Unterklasse im kleineren Maßstab –, dass makropolitische Maßnahmen nur begrenzte Erfolge versprechen. So wie die allgemeine Wirtschafts- und Sozialpolitik von Ländern die Unterklasse von Großstädten nicht erreicht, misslingt es auch den großen Plänen von internationalen Organisationen, die Verhältnisse in Afrika, Asien und Lateinamerika nachhaltig zu verbessern.“

Ralf Dahrendorf geht davon aus, dass sich die bestehenden Bürgergesellschaften nicht aufrecht erhalten lassen, es sei denn die Menschheit versteht sie als Schritte auf dem Weg zu einer Weltbürgergesellschaft. Für Immanuel Kant ist der Konflikt die Quelle des Fortschritts zur Zivilisation und am Ende zur Weltbürgergesellschaft. Ralf Dahrendorf schreibt: „Da der Wille des Menschen frei ist, lässt sich nicht von einem ausdrücklichen gemeinsamen Zweck des menschlichen Handelns sprechen; in der Tat erleben wir vornehmlich Widerspruch, ja Chaos.“ Es könnte aber sein, dass sich in diesem Chaos eine verborgene Naturabsicht verbirgt.

Die Menscheit braucht eine Weltinstanz

Alle natürlichen Fähigkeiten lebender Wesen sind gemäß Ralf Dahrendorf darauf angelegt, sich voll zu entwickeln. Die natürliche Fähigkeit des Menschen ist dabei die Vernunft, aber diese wird nur in der Gattung und nicht in irgendeinem einzelnen Individuum voll entfaltet. Für Immanuel Kant ist es die menschliche Ungeselligkeit, die die Geschichte vorantreibt, aber sie verlangt auch der Bändigung durch Verfassungen, das heißt einen Gesellschaftsvertrag. Der Weg zur Weltbürgergesellschaft ist allerdings schmerzhaft, da er über Revolutionen im Inneren von Gesellschaften und Kriegen zwischen ihnen führt.

Doch Ralf Dahrendorf ist optimistisch und erklärt: „Am Ende aber ist eine Weltinstanz, eine Behörde oder Regierung, ebenso nötig, wie dies nationale Instanzen in einzelnen Gesellschaften waren und sind, denn Krieg, und sogar die ständige Bereitschaft zum Krieg, hemmt die völlige Entwicklung der Naturanlagen in ihrem Fortgang.“ Wenn man Immanuel Kant bei seinen Annahmen über die Begrenzungen und Möglichkeiten des Menschen folgt, so muss man die Geschichte als Realisierung eines verborgenen Plans der Natur verstehen.

Von Hans Klumbies

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