Faulheit wird fast reflexhaft als Gegensatz zur Arbeit bestimmt

Der Band 21 des Philosophicum Lech bietet wie immer einen anregenden Gedankenaustausch über gesellschaftlich fundamentale Fragen der Gegenwart. Der etwas provokante Titel lautete diesmal „Mut zur Faulheit. Die Arbeit und ihr Schicksal.“ Der breite thematische Bogen reicht von der Austreibung des Faulteufels und den Wonnen der Arbeit über ironisch-heitere Zukunftsvisionen einer Mußemaschine bis hin zu kulturellen Widersprüchen des Kapitalismus. Dennoch ist die Arbeit für viele Menschen offenbar die entscheidende Quelle für Wohlstand, Wert und Würde. Konrad Paul Liessmann, dem wissenschaftlichen Leiter des Philosophicum Lech ist es wieder gelungen, eine hochkarätige Referentenschar zu verpflichten. Dazu zählen unter anderem Univ.-Prof. Dr. Stephan Lessenich, Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, den Bestsellerautor Ulrich Schnabel und Univ.-Prof. Dr. Martin Seel, Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Faulheit kann durchaus positiv besetzt sein

Konrad Paul Liessmann beschreibt in seinem einleitenden Text die zwei Seiten der Faulheit: „Fast reflexartig bestimmen wir Faulheit als Gegensatz zur Arbeit. Je nach moralisch-politischer Ausrichtung können wir diese Faulheit dann positiv besetzen und von Muße, Regenerations- und Reflexionsphasen oder kreativen Pausen sprechen, oder wir sehen darin nur die Arbeitsverweigerung, die Versorgungsmentalität auf Kosten anderer, die illegitimen Nutznießer der Sozialsysteme, die willensschwachen Versager, die Nichtstuer und Minderleister, die Müden und Trägen.“

Bei der Frage nach dem Schicksal der Arbeit denkt Martin Seel darüber nach, ob es nötig sein wird und ob es möglich wäre, dem Fluch der Erwerbsarbeit, sei es des Verlusts derselben, einigermaßen segensreich zu entkommen und also das Schicksal der individuellen und kollektiven Lebensführung auf neue Weise in die Hand zu nehmen oder überhaupt erst wieder in die eigene Hand zu bekommen. Eines steht für Martin Seel fest: Mit bloßer Faulheit wird das ebenso wenig zu bewerkstelligen sein wie mit einem blanken Abschied von allen Arten der Arbeit.

Die Polarisierung von Konsum und Arbeit ist nicht mehr angemessen

Für Sophie Loidolt, Gastprofessorin am Philosophieinstitut der Universität Kassel, ist Faulheit seit jeher ein Laster. Sie ist nicht gottgefällig, auch nicht vernünftig, eine Verschwendung der Talente. Doch nicht nur die Mönche und Protestanten beten und arbeiten. Auch für den Weltmenschen Johann Wolfgang von Goethe war am Anfang die Tat. Ökonomie ist der Schlüssel zur Welt. Gleichzeitig setzt ein immer stärker beschleunigter Vorgang des Produzierens und Konsumierens bei vielen Menschen zunehmend Erfahrungen der Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit aus.

Der Autor, Dozent und Berater Wolfgang Ullrich stellt in seinem Beitrag die These auf, dass die Polarisierung von Konsum und Arbeit nicht mehr angemessen ist: „Vielmehr wird Konsum sogar als Arbeit erfahren und Arbeit gerade auch beim Konsumieren geleistet.“ Die meisten Menschen müssen zwar auch heute arbeiten, um ihren Wohlstand zu erwerben, aber sie sind genauso in erheblichem Ausmaß Konsumenten, die das Erarbeitete verwenden und verbrauchen wollen. Sie sehen es als Herausforderung an, eine Balance zwischen Produzieren und Konsumieren – zwischen „work“ und „life“ zu finden.

Philosophicum Lech 21
Mut zur Faulheit
Die Arbeit und ihr Schicksal
Konrad Paul Liessmann (Hg.)
Verlag: Zsolnay
Broschierte Ausgabe: 267 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-552-05889-7, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies

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