Die Innenschau ist der Königsweg zum menschlichen Geist

Der österreichisch-deutsche Philosoph Edmund Husserl begründete Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Phänomenologie eine eigene philosophische Strömung, di das Fundament der Philosophie im menschlichen Bewusstsein sah. Philipp Hübl erläutert: „Er beginnt mit der Beobachtung, dass man manchmal zwischen Wahrnehmung und Halluzination nicht unterschieden kann.“ Wenn man in sich hineinschaut, muss man eine Enthaltung eines Urteils praktizieren, also eine Distanz zu allem einnehmen, was man über die Welt glaubt, vor allem, indem man die Existenz von Dingen gleichsam einklammert. Die natürliche Einstellung eines Menschen ist nämlich, dass Dinge unabhängig von ihm existieren. Doch die Dinge in der Welt, also etwa eine Blume, muss man klar von den eigenen Eindrücken, also dem Blumenerlebnis im Bewusstsein, unterscheiden. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

Edmund Husserl unterscheidet zwischen objektiven und erlebten Körper

Philipp Hübl erklärt: „Wichtig, so Husserl sind zuerst die Eindrücke in ihrer Bedeutung oder Sinnhaftigkeit für uns, unabhängig von dem Wissen, dass da draußen etwas ist, was sie hervorruft.“ Die Introspektion, die bewusste Innenschau, ist also Edmund Husserl zufolge der Königsweg zum menschlichen Geist. Das Unbewusste oder das Gehirn spielen dabei keine Rolle. Zeitgenössische Psychologen sah er nicht zu einer klaren Innenschau imstande, da sie zu schnell bei den Dingen seien und dabei all ihre Vorurteile und Annahmen mitbrächten.

Die Überzeugung von der Existenz der Dinge scheint für das Erlebnis wesentlich zu sein. Edmund Husserl unterscheidet zwischen dem objektiven Körper und dem erlebten Körper, den er Leib nennt. Den objektiven Körper kann man wiegen, messen und fotografieren. Den Leib hingegen fühlt man von innen. Dem polnischen Psychologen Kurt Lewin zufolge haben Alltagsgegenstände den Charakter einer stillen Aufforderung. Natürlich sind viele der Erwartungen eines Menschen vom Kontext abhängig.

Seinen primären Eindrücken kann ein Mensch nicht trauen

Die stillen Aufforderungen der Dinge aktivieren die entsprechenden Handlungsmuster im Gehirn. Das merkt man nicht immer, doch manchmal spürt man sogar im Bewusstsein, wenn man ganz automatisch eine Bewegung durchspielt. Martin Heidegger entwickelte in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ die These, dass ein Mensch die Dinge immer als etwas ansieht, mit dem er interagiert und die er für einen Zweck benutzt. Was ein Mensch tatsächlich in seinem Geist erblickt und was er zusätzlich erwartet, ist oft untrennbar ineinander verschlungen.

Weil ein Mensch viele Annahmen über die Welt nicht nur im Bewusstsein, sondern vor allem im Gedächtnis mit sich herumträgt, einige sprachartig verfasst, einige nichtsprachlich und hintergründig, und er nicht immer sauber zwischen ihnen unterscheiden kann, ist die von Edmund Husserl vorgeschlagene Distanz zu sich selbst umso schwieriger, vermutlich eher ein Ideal, das er tatsächlich nie erreichen kann. Auch können Menschen ihren primären Eindrücken nicht trauen, weil sie sofort von anderen Sinnen und dem Vorwissen überlagert, verzerrt und ersetzt werden. Quelle: „Der Untergrund des Denkens“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies


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