Philipp Hübl dringt in den Untergrund des Denkens vor

Ein großes Thema unserer Zeit ist der unvernünftige und verführbare Mensch, der der Macht des Unbewussten hilflos ausgeliefert ist. Philipp Hübl klärt in seinem neuen Buch „Der Untergrund des Denkens“ darüber auf, dass das nicht immer so war: „Von der antiken griechischen Philosophie über die europäische Aufklärung bis in die Moderne galt eigentlich die Vernunft als dasjenige Merkmal, das uns Menschen von Tieren unterscheidet.“ Die Vernunft zeigt sich in der Art und Weise, wie Menschen etwas tun, nämlich wenn sie gründlich nachdenken und bewusst handeln. In der Kulturgeschichte konkurrieren also, grob gesprochen, zwei Bilder über die Natur des Menschen. Das klassische Bild stellt den Menschen als selbstbestimmte Person dar, die bewusst über sich und die Welt nachdenken und vernünftige Entscheidungen treffen. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

Die Macht des Unbewussten wird oft maßlos übertrieben dargestellt

Seit mehr als 100 Jahren skizzieren allerdings Forscher vieler Fachrichtungen ein Gegenbild. Es besteht aus einer Familie von verwandten Ideen und Theorien, die auf unterschiedliche Weise unbewusste Kräfte betonen und so die Macht der Vernunft und des Bewusstseins bezweifeln. Typische Thesen sind beispielsweise, verdrängte Wünsche würden das menschliche Handeln leiten, das Ich sei eine Illusion und nur das Gehirn treffe die Entscheidungen. In seinem Buch „Der Untergrund des Denkens“ verteidigt Philipp Hübl das klassische Bild gegen seine Kritiker.

Dabei behandelt der Philosoph Themen wie Vergnügen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Identität, Wünschen, Wahrnehmen, Sprechen, Denken, Entscheiden und Handeln. Philipp Hübl gibt zwar zu, dass ein Mensch ohne Gehirn nicht denken kann, doch daraus folgt nicht, dass das Hirn für den Menschen denkt, und schon gar nicht, dass das Ich, genauer das menschliche Bewusstsein, eine Konstruktion ist. Zudem entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten laut Philipp Hübl als maßlose Übertreibungen.

Der Mensch kann unbewusste Prozesse kontrollieren

Die wenigen unbewussten Einflüsse machen einen Menschen nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Außerdem zeichnet den Menschen die kritische Vernunft aus, die er bewusst einsetzen und durch Training verbessern kann, um sich gegen unbewusste Einflüsse zu schützen. Das heißt natürlich nicht, dass man jede Sekunde seines Lebens bewusst und aufmerksam erlebt oder immer alles unter Kontrolle hat. Der Spielraum für unbewusste Manipulationen fällt für Philipp Hübl jedoch verschwindend klein aus.

Sobald ein Mensch seine Aufmerksamkeit einschaltet und sich damit die Vernunft im Alarmmodus befindet, ist er kaum noch anfällig für Manipulationen oder Täuschungen. Und wenn er herausfindet, wie unbewusste Prozesse in ihm walten, kann er sie kontrollieren oder sogar für sich arbeiten lassen. In seinem Buch „Der Untergrund des Denkens“ geht es Philipp Hübl auch um zentrale philosophische Themen wie die Frage, was die menschliche Identität ausmacht. Sie setzt sich zusammen aus dem Gedächtnis, dem Charakter, dem Körper und dem Bewusstsein.

Der Untergrund des Denkens
Eine Philosophie des Unbewussten
Philipp Hübl
Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 477 Seiten, Auflage: 2015
ISBN: 978-3-498-02811-4, 19,95 Euro

Von Hans Klumbies


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