Philipp Hübel weist auf die Tücken der Selbstbeobachtung hin

Menschen schmecken hauptsächlich mit ihrer Nase. Der Geruchssinn gehört evolutionär zu den ältesten Sinnesorganen. Die Verarbeitung olfaktorischer Reize ist dabei zehnmal langsamer als bei visuellen. Philipp Hübl erklärt: „Gut möglich, dass der Geschmack deshalb so leicht von unserem dominanten Sinn, dem Sehen, überschrieben wird.“ Für die Selbstbeobachtung sind das schlechte Nachrichten. Ein Mensch kann seinen primären Eindrücken nicht trauen, weil sie sofort von anderen Sinnen und seinem Vorwissen überlagert, verzerrt und ersetzt wird. Es kann deshalb gut sein dass man das reine Schmecken, genauer das Riechen, niemals von den umgebenden Eindrücken, Gedanken und Erinnerungen trennen kann. Die vielen Täuschungen zeigen allerdings nicht, dass man überhaupt keine Geschmacksunterschiede wahrnehmen kann. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

Menschen haben keinen neutralen Zugang zu ihren Erlebnissen

Doch selbst die feine Wahrnehmung, die Weinkennern und anderen Experten unterstellt wird, ist wohl in den meisten Fällen eine Illusion. Es fällt Menschen einfach zu schwer, einzelne phänomenale Erlebnisse aus dem Strom des Bewusstseins herauszufiltern und isoliert zu betrachten. Das rückt eine systematische Wissenschaft vom Bewusstsein in noch weitere Ferne, denn auch in anderen Bereichen mischt das Vorwissen eines Menschen mit. Der menschliche Geist ist selbstbezüglich, denn man kann mit dem Bewusstsein das eigene Bewusstsein betrachten.

Philipp Hübl stellt fest: „Das ist zwar hilfreich, führt aber zum Dilemma der Selbstbeobachtung. Das eine Problem besteht in unserer Aufmerksamkeit, denn durch aktive Selbstbeobachtung verändern wir die Verteilung und vielleicht sogar die Natur unserer Erlebnisse im Bewusstseinsfeld. Dann haben wir aber keinen neutralen Zugang zu ihnen.“ Das andere Problem liegt in der möglichen Alternative, der Erinnerung. Man könnte versuchen, sich an einen früheren Moment zu erinnern, bei dem die Aufmerksamkeit den Strom des Bewusstseins nicht verwirbelt hat.

Ihre Wünschen und ihr Verhalten können Menschen ganz schlecht vorhersagen

Doch bei rückblickenden Analysen könnte das Vorwissen die Eindrücke überlagern. Philipp Hübl erläutert: „Wir erfassen unser Innenleben also nur mit Mühe und vermischen alle Eindrücke miteinander. Noch schlechter sind wir darin, unsere Erlebnisse zeitlich genau zu datieren.“ Und am allerschlechtesten ist es um die Fähigkeit bestellt, die eigenen Wünsche oder das eigene Verhalten vorherzusagen. Die meisten Menschen glauben zum Beispiel, dass Lotteriegewinne sie spürbar glücklicher machen würden, doch die tatsächlichen Effekte sind eher marginal.

Genauso überschätzen Menschen spontan die negativen Folgen eines Jobverlusts oder einer Querschnittslähmung deutlich, wie Studien zu Glück und Lebenszufriedenheit zeigen. Tatsächlich passt man sich so wundersam schnell an neue Situationen an, dass radikal erscheinende Veränderungen viel weniger ins Gewicht fallen, als man auf Anhieb annehmen würde. Wenn Menschen beispielsweise ihren Ernährungsplan für einen Monat bestimmen sollen, legen sie viel Wert auf Abwechslung. Müssen sie es Woche für Woche tun, wählen sie immer wieder dieselben Lieblingsgerichte. Quelle: „Der Untergrund des Denkens“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies


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