Es steht schlecht um den Homo oeconomicus

Zwei unvereinbare Menschenbilder geistern durch die westliche Vorstellung dessen, was eine Gesellschaft ist. Diese Menschenbilder können zu unterschiedlichen politischen Richtungen und Bewegungen führen. Philipp Blom erläutert: „Von diesen beiden – dem Homo oeconomicus und dem irrationalen Herdentier – ist Letzteres historisch wesentlich robuster.“ Die dünne Silhouette des rationalen Menschen zerbrach an der heimtückischen Weigerung der Gesellschaften dieser Welt, nach dem Mauerfall sich der liberalen Demokratie zuzuwenden und sich einem freien Weltmarkt anzuschließen. Historische Feindschaften, hartnäckige Traditionen, brutale Diktatoren, blutrünstige Ideologien, fundamentalistische Religionen und irrationale Impulse, Dummheit, alternative Sichtweisen und kluge Einsicht in lokale Besonderheiten haben in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Modellen und sozialen Visionen geschaffen. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford und lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

Das Wirtschaftswunder schaffte einen nie dagewesenen politischen Konsens

Und es ist alles andere als sicher, dass liberale Demokratien in diesem Wettbewerb auch nur ihr eigenes Fortbestehen sichern können, von ihren missionarischen Ambitionen ganz zu schweigen. Der Homo oeconomicus ist auf dem Gewaltmarsch der Geschichte am Wegrand zurückgelassen worden. Es steht schlecht um ihn. Der unvernünftige und manipulierbare Konsument andererseits hat diesen Marsch von seinem Kinosessel aus verfolgt. Es geht ihm prächtig. Und trotzdem klagt er, denn es stellt sich heraus, dass sein Leben nicht so ideal ist wie in der Werbung.

Wer heute Konsumgesellschaften kritisiert, vergisst leicht, dass sie zwischen 1945 und 1989 auch politisch hervorragend zu funktionieren schienen, dass diejenigen Länder, die ihren Bürgern zu bescheidenem Wohlstand verhelfen konnten, nicht nur ein Wirtschaftswunder erlebten, sondern auch einen nie dagewesenen politischen Konsens. Philipp Blom erklärt: „Konsum schaffte damals das, was Lebow für ihn gefordert hatte: Er wurde zum Vehikel der spirituellen Befriedigung.“ Für viele Menschen war der Konsum der Nachkriegszeit tatsächlich transformativ.

Die Marktwirtschaft konnte einen kollektiven Sinn erzeugen

Der Konsum der Wirtschaftswunder-Jahre war gerade nach den Rationierungen des Krieges tatsächlich ein Ritual, das andere, ältere Rituale von Gemeinschaft und Identität ersetzen konnte – gerade auch, weil er im Vergleich zur offensichtlichen desaströsen Planwirtschaft der Sowjetunion auch Freiheit zu symbolisieren schien. Er entwickelte sich zu einem „way of life“ und durch das Wachstumsmodell des kapitalistischen Westens, das stetig steigenden Wohlstand und daher ständigen Konsum erforderte, zur patriotischen Pflicht.

Philipp Blom schreibt: „Als Gegenentwurf zum real existierenden Sozialismus konnte die Marktwirtschaft mit ihren zu Verbrauchern umgedeuteten Bürgern tatsächlich einen kollektiven Sinn erzeugen, indem sie, wie weiland Bernays mit Zigaretten, den Konsum als Akt der Freiheit, des Fortschritts und der Selbstverwirklichung inszenierte.“ Der steigende Wohlstand aber kann die Sinnstiftung durch Konsum auch schwächen. Dazu kommt heute eine steigende soziale Ungleichheit, durch die immer mehr Menschen von dieser kommerziellen Transzendenz ausgeschlossen sind, obwohl sie Jobs haben und hart arbeiten. Der Motor der Glückseligkeit ist ins Stottern geraten. Quelle: „Was auf dem Spiel steht“ von Philipp Blom

Von Hans Klumbies

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