Das Leben ist ein Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität

Das Leben ist bestimmten Rhythmen unterworfen. Peter Spork erklärt: „Ohne periodisches Auf und Nieder wäre Leben nicht möglich, denn nichts hassen biologische Systeme mehr als Gleichförmigkeit.“ Der Neurologe nennt Beispiele: Wenn die Augen eines Menschen so fixiert werden, dass sie immer auf den gleichen Fleck schauen müssen, wird der Betroffene in kürzester Zeit gar nichts mehr sehen. Im Dauerlärm verlieren die Ohren jegliche Sensibilität. Die Muskulatur geht zu Grunde, wenn sie sich niemals entspannen kann. Die Nerven verarbeiten keine Signale mehr, wenn sie ihre Erregung nicht mehr an die jeweilige Situation anpassen dürfen. Und auch das Gehirn muss regelmäßig vom Modus der Datenaufnahme (Wachheit) in jenen der Datenverarbeitung (Schlaf) wechseln, um leistungsfähig zu bleiben. Der Neurobiologe Peter Spork ist Wissenschaftsjournalist.

Hell und Dunkel ist der bestimmende Rhythmus des Lebens

Der Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität ist also laut Peter Spork ein biologisches Grundsystem: „Und das fundamentale Timing dieser Rhythmik wird zusätzlich von der Physik bestimmt.“ Die Taktung der Umwelt vorauszuahnen, ist für Organismen ein unschätzbarer Vorteil. Der Mensch folgt unbewusst den Rhythmen seiner Billionen Zellen, die allesamt zu einem hochkomplexen Räderwerk des Zeitgefühls verbunden sind. Hell und Dunkel – das ist der bestimmende Rhythmus des menschlichen Lebens.

Heute verschwindet das Licht am Tag immer mehr aus der menschlichen Existenz, während die Nächte für die Menschen immer heller werden. Peter Stork benennt die Folgen: „Auf der Strecke bleibt die innere Rhythmik – unser Gleichgewicht. Und weil Rhythmus Leben ist, belastet diese Tendenz in letzter Konsequenz das Leben selbst.“ Die Menschheit betreibt seit einiger Zeit systematisch die Nivellierung der natürlichen Schwankungen seines wichtigsten Zeitgebers, des Lichts.

Krankhafte Schwermut entsteht durch gestörte innere Rhythmik

Dadurch wird die innere Rhythmik der Menschen empfindlich gestört, gerät durcheinander oder schwächt sich immer weiter ab. Peter Spork erläutert: „Der resultierende toxische Dauerstress äußert sich zunächst diffus: ein unerklärlicher Leistungsabfall kann am Anfang stehen, mit der Zeit lässt die Konzentrationsfähigkeit nach, die Schlafqualität sinkt.“ Langfristig nimmt die Körperfülle zu, während sich die Lebensenergie und die Fitness verflüchtigen. Schließlich werden die Menschen krank. Gestörte innere Rhythmen sind ein zwangsläufiger Begleiter der krankhaften Schwermut.

Schlafstörungen oder andere gesundheitliche Folgen verflachter oder gegeneinander verschobener
innerer Rhythmen gehen nicht ohne Grund immer mit Depressionen einher. Maßnahmen wie die Lichttherapie, die gezielt die innere Rhythmik stärken, scheinen sie erfolgreich zu bekämpfen. Das Auf und Ab der Genaktivität in einzelnen Zellen ist sehr mächtig. Bis zu 15 Prozent aller Gene in jeder der menschlichen Körperzellen schwingen in ihrer Aktivität im Tagesverlauf auf und nieder, das heißt, sie folgen dem Diktat der Uhren-Eiweiße.

Von Hans Klumbies

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