Peter R. Neumann erklärt die Rekrutierungsstrategie des „Islamischen Staates“

Peter R. Neumann ist davon überzeugt, dass der Terror des Islamischen Staates (IS) Europa noch sehr lange beschäftigen wird. Denn man muss seiner Meinung nach den Terrorismus immer historisch sehen, als ein Phänomen, das eine ganze Generation andauern kann: „Wir haben es mit Wellen zu tun, die sich über 20 bis 30 Jahre strecken. Das war bei der RAF so und auch bei den Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts.“ Die Hauptgefahr in den aufgeklärten Staaten des Westens besteht nicht darin, dass der Terrorismus viele Menschenleben fordert, sondern dass sich durch ihn die Gesellschaften radikalisieren. Die Dschihadisten befördern eine gesellschaftliche Polarisierung und den Rechtspopulismus. Peter R. Neumann ist seit 2008 Direktor des „International Centre of Radicalisation“ am Londoner King`s College.

Der IS steuert seine Kämpfer über das Internet und Messenger-Dienste

Der IS nutzt jede Gelegenheit, um im Westen Anschläge zu verüben. Die Tatsache, dass im Laufe der letzten 12 bis 18 Monate so viele Flüchtlinge, auch Syrer, nach Europa gekommen sind, eröffnete ihm neue Möglichkeiten. Der relativ chaotische und unkontrollierte Strom von Flüchtlingen im letzten Jahr war ideal, um Leute hierherzubringen. Das gab es zwar auch schon früher, aber es ist jetzt viel einfacher geworden. Auf die Frage, wie sich die Rekrutierung in diesen Kreisen vollzieht, antwortet Peter R. Neumann, dass es da zwei Muster gibt.

Erstens versucht der IS, den Flüchtlingsstrom zu nutzen, um Leute mit einem Auftrag nach Europa zurückzuschleusen. Kämpfer, die in Syrien radikalisiert wurden und die als Flüchtlinge kommen, um im Westen Anschläge zu verüben. Beim zweiten Muster – und das ist neu – versucht man, über das Internet und über Messenger-Dienste Leute fernzusteuern. Diese Messenger-Dienste sind mittlerweile so hoch verschlüsselt, dass selbst die amerikanischen Geheimdienste an die Botschaften nicht mehr herankommen.

Selbst Gangster dürfen beim Islamischen Staat mitmachen

Peter R. Neumann stellt fest: „Europäische Nachrichtendienste berichten außerdem, dass sich der IS gezielt an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wendet – an jene, die genau nach dem suchen, was der „Islamische Staat“ vermeintlich zu bieten hat, nämlich Struktur, Orientierung, Gemeinschaft, einen Sinn.“ Zudem setzt der „Islamische Staat“ auf eine hybride Strategie: Er bildet Leute in Syrien aus, das sind sozusagen die Spezialeinheiten, die professionellen Terroristen. Aber er gibt jedem, der möchte, auch die Lizenz, seine Marke in Anspruch zu nehmen, auf eigene Faust Anschläge zu verüben. Das macht es schwer vorauszusagen, was als Nächstes kommt.

Beim „Islamischen Staat“ ist die religiöse und ideologische Komponente längst nicht so ausgeprägt wie bei al-Qaida. Die Anführer der Anschläge von 9/11 waren noch Akademiker, Mitglieder einer gehobenen Klasse. Der IS dagegen hat von Anfang an gesagt, dass er keine Anforderungen mehr stellt und selbst Gangster dürfen mitmachen. Peter R. Neumann fügt hinzu: „Sie fragen die Kämpfer nicht mehr, ob sie den Koran kennen. Im Gegenteil, mit ihrer Propaganda ziehen sie gezielt andere Rekruten an. Denn da sagen sie, wenn du brutal bist und schwere Waffen magst, wenn du bei einem erfolgreichen Projekt dabei sein willst, dann komm zu uns. Der IS bietet so jedem, der frustriert ist, eine Projektionsfläche.“ Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies

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