Von der unvernünftigen Masse gehen ernste Gefahren aus

In der Geschichte der Politik kann man durchgehend eine Angst vor der Masse erkennen, dem „Plebs“, wie die römischen Senatoren sie nannten. Bilder von Aufruhr, Brandstiftung und Plünderung kommen einem in den Sinn. Kontrolle von oben ist unverzichtbar. Dass eine führerlose Masse eine eigene Dynamik entwickelt, wusste bereits Gustave Le Bon. In „La psychologie des foules“ (1895), deutsch „Psychologie der Massen“, studiert er die revolutionären Massen während der Französischen Revolution. Paul Verhaeghe kennt seine Studienergebnisse: „Er kommt zu dem Schluss, dass Menschen in einer Gruppe auf das Niveau des dümmsten Gruppenmitglieds zurückfallen und ihren niedersten Trieben nachgeben.“ Fünfundzwanzig Jahre später untersucht Sigmund Freud organisierte Gruppen mit einem „Führer“ an der Spitze. Auch er weist auf die Gefahren hin. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.

Für viele menschen steht die Notwendigkeit einer zentralen Führung außer Frage

Beide Arten von Gruppen werden als Argument gegen eine horizontale Autorität angeführt. Und beide Gruppen haben wenig oder nichts mit dem zu tun, was Paul Verhaeghe darunter versteht. Eine Masse übt Macht aus, eine zentral geführte Gruppe ist ein Beispiel für Top-down-Autorität. Für viele Menschen steht die Notwendigkeit einer zentralen Führung außer Frage, weil aus ihrer Perspektive eine Gruppe „gewöhnlicher“ Menschen nicht in der Lage ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man braucht sich die öffentliche Meinung nur einmal anzuhören, so meinen diese Menschen, dann weiß man schon Bescheid.

Die öffentliche Meinung ist sehr wichtig und kann beispielsweise das Wahlverhalten steuern. Politiker tun alles dafür, Wähler für sich zu gewinnen, wobei sie die öffentliche Meinung für manipulierbar halten und diese Manipulation am liebsten selbst in die Hand nehmen – Medienberater und Marketingbüros sind vor Wahlen äußerst gefragt. Paul Verhaeghe fügt hinzu: „Man geht davon aus, dass Wähler kaum nachdenken und ebenso wenig zu selbstständigen Entscheidungen imstande sind.“

Das Wissen der Elite ist beschränkter als allgemein angenommen wird

Eben diese Unterstellung bringt Politiker auf die Idee, dass Entscheidungen am besten von einer kleinen, aber hoch ausgebildeten Elite getroffen werden sollten. Gerne demokratisch gewählt, doch wenn nötig – in Krisenzeiten zum Beispiel – kann der Demokratiegedanke ruhig ein wenig in den Hintergrund treten. Experten sollen dann entscheiden, was das Beste für „das Volk“ ist. Diese Auffassung illustriert einmal mehr eine paternalistische Sicht, das „Vater weiß es am besten“-Modell. Sie lässt allerdings mindestens drei Punkte außer Acht.

Die kleine, hoch ausgebildete Gruppe trifft häufig Entscheidungen zugunsten eben dieser Gruppe, nicht der großen Gemeinschaft. Ihr Wissen ist wesentlich beschränkter als allgemein angenommen wird, und entpuppt sich im Rückblick häufig als völlig falsch. „Das Volk“ hat in den letzten zwei Generationen eine höhere Ausbildung vorzuweisen als je zuvor. Die Ironie der Geschichte will, dass dieser letzte Punkt vor allem auf den Paternalismus zurückzuführen ist, der in seinen besseren Spielarten durchaus auch an Arbeiter- oder Volksbildung interessiert ist und beispielsweise den Zugang zum Bildungswesen verbessert. Quelle: „Autorität und Verantwortung“ von Paul Verhaeghe

Von Hans Klumbies


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