Der Mann hat seine privilegierte Stellung verloren

Ein kurzer Blick auf die Scheidungsraten zeigt, dass langfristige Beziehungen heute verglichen mit früher um einiges seltener geworden sind. Alle paar Wochen findet sich in einer Zeitschrift ein Artikel, in dem ein Wissenschaftler erklärt, warum das so ist. Paul Verhaeghe kennt die Veröffentlichungen: „Klinische Psychologen behaupten, junge Menschen hätten Probleme, sich zu binden, weil bei ihren Babyboom-Eltern einiges schief gelaufen ist. Die evolutionäre Psychologie vertritt die These, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus stammen – und sie konnten beisammen nicht kommen.“ Doch die auf der Hand liegende Erklärung ist viel weniger kompliziert und hat mit den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten fünfzig Jahre zu tun. Die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau haben sich grundlegend verändert. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.

Frauen können auch aggressiv sein

Dafür verantwortlich ist die Kombination aus immer mehr hochgebildeten Frauen mit einer größeren wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der Verfügbarkeit verlässlicher Verhütungsmittel. Dennoch hat die populäre Version der evolutionären Psychologie vielen Menschen folgende Überzeugung eingebrannt: Männer sind von Natur aus hyperkompetiv und aggressiv und kämpfen gegen andere Männer, um ihre Gene zu verbreiten. Dass sie nicht mehr in der Savanne, sondern an der Börse kämpfen, tut dabei nichts zur Sache.

Frauen sind demnach zurückhaltender, generell nicht so aggressiv, sie sind bedachtsam und setzen auf Versöhnung. Die hoffnungsvolle Erwartung ist, dass sich die Gesellschaft zu einer besseren entwickelt, da Frauen immer häufiger leitende Positionen übernehmen. Diese Hoffnung hat Paul Verhaeghe auch, aber sollte sie sich bewahrheiten, so nicht wegen der angeblichen weiblichen Sanftmut. Frauen können auch aggressiv sein. Sozialpsychologische Experimente zeigen, dass Aggressionen bei Frauen vor allem dann zum Ausbruch kommen, wenn die sozialen Erwartungen an „sanfte, versöhnungsbereite Frauen“ wegfallen.

Männer werden später unabhängig als Frauen

Paul Verhaeghe weiß: „Wenn die weibliche Identität sich verändert, dann muss die männliche folgen, da beide sich gegenseitig beeinflussen.“ Sind Frauen hauptsächlich Hausfrauen, werden die Männer eher außer Haus ihr Glück versuchen. Wenn Frauen ebenfalls außer Haus arbeiten, ändert sich dieses Verhältnis. Der Niedergang des Patriarchats bedeutet, dass der Mann seine privilegierte Stellung verloren hat und sich neu orientieren muss. Dieser Verlust sorgt für Angst und der vorhersagbaren Reaktion „fight or flight“, Aggression oder Fluchtverhalten.

Paul Verhaeghe kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Männer gegenwärtig länger adoleszent sind als Frauen. Im Vergleich zu früher und zu ihren weiblichen Altersgenossen machen sie den Schritt in die Unabhängigkeit später. Ob Männer tatsächlich mehr Bindungsängste an den Tag legen – wovon viele Frauen überzeugt sind –, ist nicht klar. Männer können aus unterschiedlichen Gründen allein bleiben. Manche, weil sie über ein reiches Angebot an sexuellen Partnern verfügen, andere, weil sie Angst vor Frauen haben. Quelle: „Autorität und Verantwortung“ von Paul Verhaeghe

Von Hans Klumbies


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