Paul Valéry lobt die überragende Würde der Kunst

Paul Valéry vertritt die These, dass jedes Werk in sich ein Verlangen, ein Tun, ein Denkbild, einen Stoff  vereint. Diese Grundelemente pflegen eine Beziehung untereinander, oftmals so feingesponnen, dass ihre Darstellung nicht möglich ist. Er schreibt: „Ist dies der Fall, sind wir somit unvermögend, ein Gebilde durch etwas wie eine Formel zu vergegenwärtigen oder zu umreißen, die uns erlauben könnte, es als ein Ding zu begreifen, das man nach Willen erschaffen oder nacherschaffen könnte, dann nennen wir es ein Kunstwerk.“ Den Adel der Kunst sieht Paul Valéry in der Reinheit des Verlangens, aus dem sie hervorgeht, und die Ungewissheit des Künstlers über das Glücken seines Tuns.

Große Künstler misstrauen der Leichtigkeit des Kunstschaffens

Je größer die Ungewissheit über den Erfolg eines Künstlers sind, die durch die Besonderheit seines Stoffes gegeben sind, desto reiner ist sein Verlagen, desto offensichtlicher sein Künstlertum. Nur die wahren Künstler erkennen laut Paul Valéry das Gefühl der Gefahren und der Langeweile allzu großer Leichtigkeit des Kunstschaffens. Sie schaffen sich dann selbst Schwierigkeiten, die nur Geschöpfe ihrer Einbildung sind, erfinden willkürliche Gesetzmäßigkeiten und Regeln, um ihre Fähigkeiten zu beschneiden, mit sicherer Hand und im Augenblick alles machen zu können, was in ihrem Wollen liegt.

Doch eine der Künste steht für Paul Valéry über allen anderen. Er schreibt: „Doch weiß ich unter allen Künsten keine, die größerer Abenteuer und Ungewissheiten voll und darum adliger wäre als jene, die das Feuer berufen.“ Wenn sich hier ein Künstler gehen lässt, wird er sofort bestraft. Er darf die Spannung niemals aufgeben, keinen Atem holen, die Gedanken nicht aufschieben. Ein Werk aus Metall ist nach Paul Valéry ein dramatischer Kampf des Menschen Brust an Brust mit der Form. Das Feuer, das wesentlichste Werkzeug dieser Künstler ist zugleich ihr größter Feind.

Die hohe Kunst aus dem Feuerofen

Das Feuer ist für Paul Valéry ein Präzisionswerkzeug, vor dem sich der Künstler fürchten muss. Der Stoff, den er seiner Glut anheim gibt, ist erbarmungslos an enge Grenzen gebunden und somit ständig bedroht. Er erklärt: „Jede Abweichung wird zum Verhängnis: das Stück ist verdorben.“ Es ist egal, ob das Feuer auf Kupfer, Glas oder Ton einwirkt, der Künstler verzehrt sich ebenso. Er wacht, er brennt, er ist wie ein Spieler, dessen Schicksal ein Würfel entscheidet.

Doch all die Wachsamkeit des erlauchten Künstlers am Feuerofen, seine gesamte Erfahrung, sein Wissen von der Wissenschaft der Hitze, den richtigen Temperaturen für die Schmelze, die ihm bei der Schöpfung seines Kunstwerks zur Verfügung stehen, lassen die adelnde Ungewissheit in ihren Unwägbarkeiten der Herstellung bestehen. Paul Valéry schreibt: „Sie alle schaffen den Zufall nicht ab. Seine hohe Kunst bleibt unter der Herrschaft des Wagnisses und wird dadurch gleichsam geheiligt.“

Von Hans Klumbies

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