Als Stammvater der Novelle gilt Johann Boccaccio

Der Roman als epische Großform stellte an Autor und Leserschaft gleichermaßen hohe Anforderungen. So beschäftigte zum Beispiel der „Wilhelm Meister“ Johann Wolfgang von Goethe fast fünfzig Jahre und wurde als ein äußerst durchdachtes, sorgfältig komponiertes, künstlerisch raffiniertes gearbeitetes Zeugnis der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Identitätsproblematik nur von einer schmalen Intellektuellenschicht verstanden. Sehr wenige Autoren waren – auch finanziell – in der Lage, ihre schöpferischen Kräfte so lange an ein Werk zu binden. Hier spielte die wirtschaftliche Sicherheit Johann Wolfgang von Goethes als Berater des Herzogs von Weimar eine entscheidende Rolle. Sie bot ihm Zeit, Muße und den langen Atem für literarische Großvorhaben dieser Art. Autoren, die stärker auf den literarischen Markt, das heißt auf den Verkauf ihrer Bücher angewiesen waren, mussten notgedrungen auf die Adressatenorientierung und die Verkaufschancen ihrer Werke achten.

Die Novelle hat ihre Geburtsstunde in der italienischen Frührenaissance

Dies galt in abgewandelter Form auch für Autoren wie zum Beispiel die Jakobiner, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Überzeugung mit ihren literarischen Werken eine direkte Wirkung auf das Publikum erzielen wollten. Hier boten sich epischen Kleinformen wie die Novelle als geradezu ideal an. Begünstigt wurde die starke Zunahme kurzer Erzählprosa gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die zahlreichen literarischen Zeitschriften, die dankbare Abnehmer für Kurzprosa waren. Autoren fanden hier unter Umgehung des Verlegers relativ günstige Publikationsmöglichkeiten, die angesichts der großen Zahl von miteinander konkurrierenden Autoren sonst beschränkt waren.

Als selbstständige Gattung hat die Novelle ihre Geburtsstunde bereits in der italienischen Frührenaissance, in Deutschland tritt jedoch die Bezeichnung erst sehr viel später auf. Eine klare Unterscheidung zwischen dem Roman und kleineren Erzählformen gibt es erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Christoph Martin Wieland definierte 1772 Novellen als „eine Art von Erzählungen, […] welche sich von dem großen Roman durch Simplicität des Plans und den kleinen Umfang der Fabel unterscheiden oder sich zu denselben verhalten wie die kleinen Lustspiele zu der großen Tragödie oder Komödie.

Friedrich Schlegel reklamiert die Novelle als typisch romantische Gattung

Theorie und Praxis der Novelle entwickeln sich in Deutschland in nennenswerten Umfang erst in der Kunstepoche. Als Kunstepoche bezeichnete Heinrich Heine die Zeit zwischen der Französischen Revolution 1789 und dem Tod Goethes 1832. Sie sind Ausdruck der gewandelten literarischen Marktsituation, in der das finanzielle Interesse des Autors und das wachsende Lese- und Unterhaltungsbedürfnis breiterer Bevölkerungskreise in einem komplizierten Wechselverhältnis stehen.

Einen wesentlichen Beitrag zur Theorie der Novelle gab Friedrich Schlegel mit seinem Aufsatz „Nachricht von den poetischen Werken des Johann Boccaccio“ (1801). Er versuchte, eine Brücke zwischen dem Stammvater der Novelle Boccaccio (Decamerone, 1353) und der romantischen Novellenpraxis zu schlagen. Die Novelle wird als typisch romantische Gattung reklamiert, die andere Formen durchaus in sich vereinigen kann; sie ist „Fragment, Studie, Skizze in Prosa; eins, oder alles zusammen.“ Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies

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