Michail Bakunin greift die Herrschaft in allen Formen an

Der Anarchismus als politische Bewegung ist aufs engste mit der Person Michail Bakunins verbunden. Nach 1844 unterstützte er alle revolutionären Bewegungen in Europa und büßte dieses Engagement mit über acht Jahren Haft. 1861 floh er aus der Verbannung in Sibirien und lebte anschließend vorwiegend in der Schweiz und Italien, wo er sich Putschversuchen und der Organisation von öffentlichen und geheimen Bruderschaften beschäftigte. Nach einem gescheiterten Aufstand in Bologna zog er sich 1874 aus der Öffentlichkeit zurück. Michail Bakunins bekanntestes Buch ist „Gott und der Staat“, das 1871 veröffentlicht wurde. Der Anarchist greift darin die Herrschaft in all ihren Formen an.

Die negative und positive Seite der Freiheit

Es spielt für ihn keine Rolle, ob es sich dabei um die religiöse, staatliche, wissenschaftliche oder elterliche Autorität handelt und stellt ihr die Freiheit gegenüber. Die Freiheit hat für Michail Bakunin sowohl positive als auch negative Seiten. Auf der positiven Seite bedeutet es für den Menschen von seinen Mitmenschen als freies Individuum anerkannt, betrachtet und behandelt zu werden. Das bedeutet nach Michail Bakunin keineswegs eine Isolierung des einzelnen Menschen, sondern Anerkennung, die auf Gegenseitigkeit beruht.

Die negative Seite der Freiheit sieht Michail Bakunin in der Empörung des einzelnen Menschen gegen jede göttliche und menschliche, gegen jede kollektive und individuelle Autorität. Karl Marx kritisierte Michail Bakunin wegen seines autoritären Kommunismus. Er betrachtete Karl Marx, den Chef und Hauptorganisator der deutschen Kommunistischen Partei, als einen autoritären Kommunisten und Anhänger der Befreiung und Neuorganisation des Proletariats durch den Staat. Eine intelligente und aufgeklärte Minderheit übe also zum Wohle der unwissenden und dummen Massen eine legitime Autorität über dieselben aus.

Michail Bakunin glaubte an die revolutionäre Kraft der bäuerlichen Unterschicht

Diese negative Einschätzung über das Proletariat konnte und wollte Michail Bakunin nicht mit Karl Marx und der Elite der kommunistischen Partei teilen. Michail Bakunin fühlte sich emotional zum Volk hingezogen und mit ihm verbunden. Er glaubte an die revolutionäre Spontaneität und Sprengkraft der bäuerlichen Unterschicht. Für ihn symbolisierte das einzelne Individuum eine Kraft, die alle Grenzen sprengen könne.

Dass der Weg in die Freiheit, wie es die kommunistische Partei propagierte, über die Diktatur des Proletariats führen sollte, war für Michail Bakunin ein Widerspruch. Er war der Ansicht, dass die schöpferische Fähigkeit des Volkes im Chaos eines Umsturzes, neue solidarische Formen der Vereinigung finden würde. Da die Anarchisten jede Form von Bürokratismus und legaler Parteiarbeit ablehnten, waren sie einem sektenartigen Dasein in kleinen Zirkeln verurteilt und spielten daher bei revolutionären Ereignissen lediglich die Rolle von Hilfstruppen.

Größeren Einfluss erlangten die Anarchisten nur gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sie sich mit den Gewerkschaftsbewegungen in Frankreich, Spanien und Italien zusammenarbeiteten, der seinen Ausdruck im so genannten Anarcho-Syndikalismus fand.

Von Hans Klumbies

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