Max Frisch erörtert die hohe Kunst der Rezension

Max Frisch zitiert Johann Wolfgang von Goethe, der den Rat gab, ein Schriftsteller solle einem Rezensenten niemals antworten, es sein denn, er behaupte in seiner Rezension, man habe zwölf silberne Löffel gestohlen. Es bleibt also nach Max Frisch nur eins übrig: zu schweigen und weiterzumachen, solange man Lust dazu hat. Der Schriftsteller kann nur dankbar sein, wenn eine Rezension, ob lobend oder tadelnd, ernsthaft und anständig ist, indem sie annimmt, dass der Verfasser selber keine Bedenken und Einwände gegen sein eigenes Werk hegt. Max Frisch gibt allerdings zu, dass das Unbehagen, das einen Rezensenten befällt, irgendwo berechtigt ist.

Nichts ist für den Kritiker schwieriger als das Lob

Vielen Kritikern genügt aber scheinbar die erste Deutung, die ihnen angesichts ihres Unbehagens einfällt. Ihnen scheint dann laut Max Frisch alles berechtigt zu sein, was aus ihrer Feder fließt und je menschlicher ein Unbehagen ist, um so größer ist die Gier nach stilistischen Mängeln, aber um so wahlloser auch. Für Max Frisch ist es schwierig, ein Rezensent zu sein, nicht nur wegen der fachlichen Qualitäten, sondern vor allem wegen der menschlichen. Max Frisch kann vor allem solche Kritiker nicht leiden, die hämisch, witzig, dreist und herablassend über ein Werk schreiben.

Nicht ist für den Rezensenten nach Max Frisch schwieriger als das Lob. Er erklärt: „Schon die Wörter werden bald allgemein, so, dass sich ganz Verschiedenes, sogar Gegensätzliches damit beloben ließe. Es muss keine Missgunst sein, keine Miesmacherei, wenn der Kritiker sich scheut, Lobesworte zu schreiben; das Lob, das ernsthafte, kann in der Tat fast nur mittelbar gesagt werden, beispielsweise durch die Namen, die zum Vergleich herangezogen werden, insbesondere durch die Höhenlage der kritischen Auseinandersetzung.“

Der Tadel bleibt am Schriftsteller kleben

Das unmittelbare Lob eines Rezensenten hat für Max Frisch wenig Überzeugungskraft, wenn nicht noch ein anderer behauptet: Das ist der beste Roman! Er wird den Eindruck einer fuchtelnden Selbstüberschätzung nicht ganz los, gerade dann, wenn ein Kritiker lobt. Max Frisch schreibt: „Es gibt viele Kenner, vortreffliche Kenner, doch wenig Leute, die von ihrem Dasein erfüllt sind, und vielleicht hätten diese allein die kostbare Gabe der Kritik.“ Denn Kritik ist für Max Frisch ein Vermögen an sich.

Mit einem Lob, das verfehlt ist oder gar läppisch erscheint, muss sich der Schriftsteller nicht auseinandersetzen, sondern kann rasch darüber hinweggehen. Bei einer negativen Kritik schaut es allerdings anders aus. Max Frisch erklärt: „Über einen Tadel hinweggehen, weil er uns verfehlt oder gar läppisch erscheint, das ist nicht so einfach, das hat stets etwas Verdächtiges. Der Tadel bleibt kleben.“

Von Hans Klumbies

Ein Gedanke zu „Max Frisch erörtert die hohe Kunst der Rezension

  • 7. Oktober 2011 um 09:45
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    … Max Frisch erörtert die hohe Kunst der Rezension … ich finde Ihre Ausführungen zu Johann Wolfgang von Goethe und, natürlich, zu Max Frisch sehr treffend – knackiger kann man das Thema wohl kaum abhandeln. Meine Empfehlung um die Person Max Frisch besser kennenlernen zu können: de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch.

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