Der Todestrieb kann das Lustprinzip verdrängen

Sigmund Freud erklärte, der mechanische Antrieb, ein frustrierendes und schmerzhaftes Erlebnis erneut zu durchleben, deute auf einen Zwang zur Wiederholung hin, der stärker als das Lustprinzip sei. Matthew B. Crawford erklärt: „Das Lustprinzip – der Trieb, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und Schmerz zu vermeiden – sorgt dafür, dass wir ständig in Bewegung bleiben.“ Dies sind die motivierenden „Lebensinstinkte“, die Grundlage unseres Selbstseins. Aber daneben gibt es den primitiveren Trieb, dessen Ziel es ist, „in einen Zustand der Erholung, der Stille und des Friedens zurückzukehren“, wie Natasha Dow Schüll den Todestrieb beschreibt. Es geht darum, „die Aufregungen des Lebens zu beseitigen und wieder Stillstand herzustellen“. Matthew B. Crawford kann auch an sich selbst so etwas wie einen Todestrieb beobachten, wenn er vor dem Fernseher sitzt und sich von beliebigen Inhalten berieseln lässt. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

Passives Verhalten befreit von dem Bedürfnis nach Kontrolle

Sobald er sich durchringt, sich vom Sofa aufzuschwingen, ist mir dieses Verhalten widerwärtig, und auch während er vor dem Fernseher herumhängt, empfindet er kein großes Vergnügen. Auf die Frage, warum er das tue, antwortet Matthew B. Crawford: „Ich nehme an, dieses passive Verhalten befreit mich vom Bedürfnis nach Kontrolle.“ Manchmal möchte er einfach nichts entscheiden. Das neoliberale Wirtschaftssystem beruht auf der Annahme, das Individuum sei vollkommen für sich selbst verantwortlich.

Matthew B. Crawford stellt fest: „Um an diesem Dogma festhalten zu können, müssen wir jede Gruppe, die nicht imstande ist, dem Ideal der Autonomie gerecht zu werden – zwanghafte Spieler, Sexsüchtige usw. – ausgrenzen und ihr unpassendes Verhalten für pathologisch erklären.“ Denn wenn sie einen inneren Defekt haben, gibt es keinen Grund für die Frage, ob möglicherweise äußere Kräfte – etwa Spielautomaten in Nachbarschaftsläden oder Pornographie fürs Smartphone – eine Beitrag zu ihrem Mangel an Selbstbeherrschung leisten.

Jeder Mensch sollte seine eigenen Entscheidungen fällen

Man kann es vermeiden, sich Sorgen über die schleichende Eroberung des Lebens durch hyperappetitliche Reize zu machen, indem man oft genug das Mantra wiederholt, „staatliche Einmischung“ sei schlecht für „die Wirtschaft“. Fest steht, dass sie schlecht für die Gewinne bestimmter Leute wäre. Viele Menschen vermeiden es prinzipiell, Handlungen zu verurteilen, die das Leben von Menschen beeinträchtigen können, weil sie fürchten, durch die Ablehnung solcher Handlungen würden sie jene bevormunden, die ihr nachgehen möchten.

Und diese Personen verzichten darauf, eine klare Auffassung von dem zu vertreten, was gut für den Menschen ist, das die Gefahr besteht, auf diese Art anderen die eigenen Werte aufzuzwingen. Diese Zurückhaltung gibt ihnen ein gutes Gefühl: Es ist ihnen gelungen, nicht paternalistisch oder anmaßend zu sein. Matthew B. Crawford erläutert: „Dass wir uns derart bemühen, diese Laster zu vermeiden, hat seinen Ursprung in unserem Respekt für die autonome menschliche Person.“ Man sollte den Menschen erlauben, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen. Quelle: „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ von Matthew B. Crawford

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.