Ein sanftmütiger Mensch lässt sich nicht vom Affekt fortreißen

Wenn sich ein Mensch aus seiner narzisstischen Selbstverstrickung löst, wird ihm auf zweierlei Weise geholfen. Erstens ist er nicht mehr der Verzerrung eines Denkens unterworfen, das alles auf die eigene Person bezieht, und zweitens ist er gezwungen, das Wohl eines jeden zu berücksichtigen, nicht nur das der Partei, der Unrecht geschehen ist. Martha Nussbaum fügt hinzu: „Aristoteles macht einen ergänzenden Vorschlag: Ihm zufolge vermeidet wir unangebrachten Zorn aufgrund des Statusdenken, indem wir den Standpunkt der Person einnehmen, die uns verletzt hat. Aristoteles gibt der tugendhaften Veranlagung eine Bezeichnung, die auf denkbar wenig Zorn hindeutet: „Sanftmut“. Das Kennzeichen der Sanftmut sind triftige Gründe. Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Sie ist eine der einflussreichsten Philosophinnen der Gegenwart.

Ein Perspektivwechsel kann den Zorn verhindern

Aristoteles schreibt: „Der sanftmütige Mensch ist einer, der unaufgeregt ist und sich nicht vom Affekt fortreißen lässt, sondern so zürnt, wie es die Überlegung vorschreibt.“ Er fürchtet auch nicht, deswegen Missfallen zu erregen. Der Sanftmütige ist nicht rachsüchtig, sondern neigt zum teilnehmenden Verstehen. Aristoteles sagt demnach, dass eine Person, die die Dinge vom Standpunkt anderer aus betrachtet und deren Erfahrung nachvollziehen kann, wahrscheinlich keinen Drang nach Vergeltung verspüren wird.

Zunächst einmal kann ein mentaler Perspektivenwechsel manchen Trugschluss bezüglich einer Schuld beseitigen: Man kann erkennen, dass die schuldige Person gedankenlos gehandelt hat oder auch einfach nur einem Irrtum unterlegen ist, statt dass sie sich ganz schuldhaft verhielt. Man kann vielleicht auch mildernde Umstände anerkennen wie etwa Nötigungen diverser Art oder den Druck gegensätzlicher Verpflichtungen. Solche Entdeckungen können verhindern, dass Zorn überhaupt erst entsteht.

Teilnehmendes Verstehen führt zu sozialem Wohl

Martha Nussbaum erklärt: „Teilnahme und Verständnis lenken den Zorn in eine Richtung, in der sein Fokus in gleichen Teilen auf dem Schaden wie auf dem Schadensausgleich liegt, statt auf der Herabsetzung in ihrer Verbindung zur Rache.“ Vergeltung dagegen wird enorm erleichtert durch eine Geisteshaltung, in der die andere Person ein bloßes Hemmnis für den eigenen Status darstellt, ein reines Ding. Das teilnehmende Verstehen lenkt das Denken immer schon in die Richtung des allgemeinen sozialen Wohls.

Aristoteles` andere wertvolle Einsicht betrifft die Bedeutung eines heiteren und verspielten Gemüts. „Sanftmütig ist man“, bemerkt er in der „Rhetorik“, wenn „man sich in einer dem Zorn gegenteiligen Stimmung [befindet], wie zum Beispiel beim Spielen und Scherzen, bei einem Fest, an einem Glückstag, bei Erfolg, bei der Befriedigung eines Bedürfnisses, überhaupt im Zustand der Schmerzlosigkeit, im Gefühl der Freude ohne Selbstüberhebung und in berechtigter Erwartung der Zukunft. Quelle: „Zorn und Vergebung“ von Martha Nussbaum

Von Hans Klumbies

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