Markus Gabriel denkt über das Denken nach

Was ist Denken? Diese Frage ist so alt wie die Philosophie und hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Markus Gabriel vertritt in seinem neuen Buch „Der Sinn des Denkens“ die These, dass sie im digitalen Zeitalter, in dem Denken oft gleichgesetzt wird mit Künstlicher Intelligenz (KI), aktueller und dringender denn je ist. Er lädt seine Leser dazu ein, über das Denken nachzudenken und erklärt, warum sich menschliches Denken niemals durch intelligente Maschinen ersetzen lässt. Dagegen dominiert im Zeitalter der Digitalisierung die Vorstellung, dass Künstliche Intelligenz denken könne. Diese Annahme verkennt allerdings, dass das menschliche Denken unüberwindbar an biologische Bedingungen gebunden ist und nicht als ein Vorgang der Datenverarbeitung verstanden werden darf. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Denken ist der zentrale Begriff in der Philosophie

Genau wie das menschliche Hören, Fühlen oder Schmecken ist das Denken ein natürlicher Sinn, der nicht künstlich nachgebaut werden kann. Dennoch ist der Mensch in einer bestimmten Hinsicht selber eine Form der Künstlichen Intelligenz, denn sein geistiges Vermögen wird historisch ausgebildet und verändert sich kulturbedingt. In der „Sinn des Denkens“ entwickelt Markus Gabriel auf eine allgemein verständliche und zugängliche Weise eine Theorie des menschlichen Denkens. Denn das Denken ist vielleicht der zentrale Begriff in der Philosophie.

Denn seit Platon und Aristoteles versteht sich die Philosophie als eine Wissenschaft, die sich über das Nachdenken ihre Gedanken macht. Dieses Nachdenken ist der Ursprung der Logik, die wiederum eine der Grundlagen der digitalen Zivilisation ist, da es ohne Fortschritte in der philosophischen Logik des 19. Jahrhunderts niemals zur Entwicklung der Informatik gekommen wäre. Das menschliche Denken ist, wie Markus Gabriel zeigt, ein Sinnesorgan. Denken ist etwas Sinnliches, wobei das philosophische Denken kreativ ist, weshalb Philosophen wie die Romantiker oder Friedrich Nietzsche sogar so weit gegangen sind, es in die Nähe der Dichtung zu rücken.

Die Flucht vor der Wirklichkeit führt zum Verlust der Selbstbestimmung

Die Philosophie strebt eine Erkenntnis der Wirklichkeit und des Wirklichkeitserlebens des Menschen an. Zudem zielt sie auf Weisheit, das heißt letztlich ein genaueres Wissen darüber, was der Mensch in Wirklichkeit nicht weiß. Markus Gabriel erklärt: „Das Denken ist die Schnittstelle zwischen der natürlichen und psychologischen Wirklichkeit.“ Außerdem verknüpfen Menschen im Denken weit entfernte Wirklichkeiten und stellen dadurch neue Wirklichkeiten her. Das Denken ist bei alledem kein wirklichkeitsferner Vorgang im Elfenbeinturm.

In einer pathetischen Schlussbestimmung schreibt Markus Gabriel, dass der Mensch sich nicht erfolgreich selbst bestimmen kann, wenn er vor der Wirklichkeit flieht. Denn dann fällt es den Menschenfeinden leicht, Zwist zwischen Mensch und Mensch zu säen, indem sich die Lüge verbreitet, wie Menschen seien durch Hautfarbe, Geschlecht, Zugehörigkeit zu einer Religion, Staatsbürgerschaft oder kulturelle Tradition im Wesen verschieden. Wer die Geschichte kennt, weiß, dass es kein naturwüchsiges Volk gibt und niemals gab, nirgends.

Der Sinn des Denkens
Markus Gabriel
Verlag: Ullstein
Gebundene Ausgabe: 366 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-550-08193-4, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies

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