Nur Selbsterkenntnis kann zur Weisheit führen

„Mensch“ beziehungsweise in diesem Zusammenhang besser „homo sapiens“ ist unter anderem ein Name für eine bestimmte Tierart. Carl von Linné (1707 – 1778), der den bis heue verbreiteten Artnamen „homo sapiens“ in seinem System der Natur eingeführt hat, führt als Merkmal des Menschen das antike Gebot an: „Erkenne Dich selbst.“ Markus Gabriel erklärt: „Die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die durch dieses Gebot angesprochen wird, ist Carl von Linné zufolge genau dasjenige, was uns zu einem „sapiens“, einem Lebewesen macht, das der Weisheit fähig ist.“ Dafür gibt es eine wichtige Vorgeschichte. In der berühmten, von Platon verfassten Verteidigungsrede des Sokrates vor dem athenischen Volksgericht, berichtet der Angeklagte, das delphische Orakel habe ihn als den weisesten aller Menschen bezeichnet. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Es gibt zwei Facetten des Bewusstseins

Das Orakel von Delphi fordert dabei im Allgemeinen zur Selbsterkenntnis auf. Und Weisheit beruht auf Selbsterkenntnis, weshalb Carl von Linné den Menschen als „homo sapiens“ definiert, denn das lateinische „sapere, bedeutet „verständig sein“. Mit dem Begriff „Qualia“ werden in der Bewusstseinsphilosophie die Gehalte bewusster, rein subjektiver Erlebnisse bezeichnet. Markus Gabriel erläutert: „Beispiele für Qualia sind Farb- und Geschmackseindrücke oder etwa eine Hitzeempfindung.“

Mit dem Bewusstsein gehen also zwei Facetten einher. Die erste besteht darin, dass ein Mensch Bewusstsein von etwas haben kann. Diese Facette nennt man Intentionalität, so dass man von intentionalen Bewusstsein sprechen kann. Dieses Bewusstsein besteht in der Bezugnahme auf etwas anderes und ist mit einer Außenperspektive, einer Außenwahrnehmung verbunden. Ein Mensch kann sich bewusst auf etwas richten und darüber nachdenken. Er spannt sein Bewusstsein gleichsam über etwas aus, indem er seine Aufmerksamkeit auf es lenkt.

Geist und Bewusstsein sind nicht dasselbe

Die zweite Facette ist mit der Innenperspektive verbunden. Man spricht in diesem Zusammenhang von phänomenalen Bewusstsein, das heißt von einem rein subjektiven, bewussten Erleben. Die Inhalte dieses Erlebens sind die erwähnten Qualia beziehungsweise Empfindungen. Markus Gabriel ergänzt: „Der Begriff des Bewusstseins, der übrigens noch viele weitere Aspekte hat, verleitet dazu, dass man gedanklich intentionales und phänomenales Bewusstsein zu nahe aneinanderrückt.“ Denn man könnte ja meinen, dass ein Mensch sich intentional auf seine Empfindungen richten kann.

Auf Eigenschaften von öffentlich vorliegenden Gegenständen bezieht sich ein Mensch intentional, während er Qualia erlebt. Sich auf etwas beziehen und etwas erleben, ist nicht notwendig dasselbe. Das Bewusstsein, wie es der Mensch kenn, hat schlichtweg notwendige biologische Voraussetzungen. Das phänomenale Bewusstsein entstand im Laufe der Evolution, was nicht nur bedeutet, und das ist Markus Gabriel wichtig zu betonen, dass der menschliche Geist im Ganzen ein evolutionäres Phänomen ist. „Geist“ und „Bewusstsein“ sind nicht dasselbe und daher deckt die Neurobiologie auch nicht komplett die Erforschung des Geistes ab, da sie nur einige notwendige Bedingungen für das Vorliegen von Bewusstsein in den Fokus nimmt. Quelle: „Ich ist nicht Gehirn“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.