Das Ich will an die Stelle von Gott treten

Das Ich hat sich zum kleinen Gott auf Erden entwickelt. Alle reden vom Ich. Markus Gabriel nennt Beispiele: „Es geht um die Frage, inwieweit der Egoismus gerechtfertigt sein soll, um die Ich-AG und vieles mehr.“ Neurozentriker schwanken zwischen der Identifikation des Ich mit dem Gehirn und der Bestreitung seiner Existenz – auf die man zurückgreift, wenn man merkt, dass der Reduktionismus in keiner Spielart so recht auf das Ich passen will. An dieser Stelle rät Markus Gabriel einen Blick auf die Geistesgeschichte zu werfen. Einer der Ersten, die das Personalpronomen „ich“ in der deutschen Sprache zu „das Ich“ substantiviert haben, war der mittelalterliche Philosoph Meister Eckhart (1260 – 1328). Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Das Ich kann mit keinem Gegenstand strikt identisch sein

Ein Mensch kann allerlei erkennen, und solange er lebt, ist es eine offene Frage, was er alles noch erkennen wird. Meister Eckhart hat die radikale Ungegenständlichkeit des Ich entdeckt. Diese Erkenntnis verbirgt sich hinter dem modernen Begriff der Autonomie, das heißt der Selbstgesetzgebung. Markus Gabriel erklärt: „Was Meister Eckhart sagt, läuft darauf hinaus, dass das Ich mit keinem Gegenstand strikt identisch sein kann, den es erkennt. Er ging auf dieser Grundlage so weit, das Ich für „gottgleich“ zu halten.“

Der Unterschied zwischen allen Gegenständen und dem göttlichen Geist ist laut Meister Eckhart eine Grundeinsicht des Monotheismus. Akzeptiert man all dies und streicht nun Gott aus dem Bild, ist man ziemlich schnell bei der Vorstellung angelangt, dass es ein alles wissendes Ich gibt, das rein neutral danach strebt, die Wirklichkeit im Ganzen zu erkennen und ihr ihre Geheimnisse zu entlocken. Dieses zutiefst theologische Modell liegt dem frühneuzeitlichen Wissenschaftsverständnis zugrunde.

Das Ich streicht Gott aus dem Weltbild heraus

Das Ich will nicht nur gottgleich sein, es will Gott sein und streicht diesen deswegen aus dem Weltbild heraus, um an seine Stelle zu treten. Markus Gabriel erläutert: „Gott aber wirklich rauszustreichen und nicht insgeheim wieder in die Fänge der Theologie zu geraten, setzt voraus, dass man ein anderes, wirklich modernes Ich-Konzept entwickelt. Was sonst bleibt, ist nur immer die Idee einer von Gott befreiten Schöpfung, bei der es sich so anfühlt, als ob eigentlich etwas fehlt, was da sein sollte.“

Der Gedanke, der sich hinter dem Ich verbirgt, spielt häufig auch dort eine Rolle, wo man ihn auf den ersten Blick gar nicht vermuten dürfte. Insbesondere entfaltet das Ich im Hintergrund der neuzeitlichen Auffassung von absoluter Objektivität seine Wirkung. Absolute Objektivität wäre eine Einstellung, in der man das Universum so beobachten kann, als ob es keine intelligenten Beobachter mit ihren artspezifischen Erkenntnisbedingungen gäbe. Eine Erkenntnis gilt dann als umso objektiver, je weniger sie dadurch geprägt ist, dass sie überhaupt noch standpunktbezogen ist. Quelle: „Ich ist nicht Gehirn“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies


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