Markus Gabriel befasst sich mit der Erklärung von Handlungen

Jeder kennt von sich selbst und seinen Begegnungen mit anderen Menschen den Eindruck, dass man sich manchmal nicht sicher ist, was wirklich die Motive des eigenen Handelns sind. Deswegen suchen Menschen nach Handlungserklärungen, also nach Erklärungen, die sie verstehen lassen, warum jemand etwas Bestimmtes tut. Markus Gabriel erklärt: „Dabei können wir entweder Wohlwollen oder Hintergedanken vermuten.“ Ersteres verbirgt sich hinter den freundlichen Listen: Man unterstellt jemandem Freiheit, was eine wohlwollende Deutung eines allem Anschein nach erfreulichen Ereignisses ist. Fiese Listen ersetzen den Anschein des Wohlwollens entweder durch Hintergedanken oder durch Erklärungen, die es erlauben, eine Person von den Zumutungen der Freiheit zu entlasten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Arthur Schopenhauer war ein Vertreter des metaphysischen Pessimismus

Es gibt nun keinen hinreichend begründeten allgemeinen Verdacht, der es erlaubt, alle Motive des menschlichen Handelns und jeden Anschein von Wohlwollen oder Freiheit durch eine allumfassende fiese Liste zu ersetzten. Dies wäre eine Form des metaphysischen Pessimismus, den insbesondere Arthur Schopenhauer prominent vertreten hat, weil er meinte, dass es im Gefüge dieser Welt keinen Raum für Freiheit gebe. Alle anscheinend wohlwollenden Handlungen wollte er als nackten Überlebenswillen beziehungsweise Fortpflanzungswillen verstehen.

Nach vollstreckter Befruchtung soll die Liebe nämlich vorbei sein und der oft loriothaft karikierte Ehealltag ist für Arthur Schopenhauer Ausdruck der metaphysischen Enttäuschung, die dadurch entsteht, dass der Gattungstrieb der Selbsterhaltung den Menschen als Individuum am Gängelband führt. Romeo schenkt Julia demnach immer nur aus dem Motiv heraus Rosen, dass er auf Beischlaf aus ist. Was er sich dabei an liebevollen Motiven einbilden mag, spielt für Arthur Schopenhauer keine Rolle.

Für Friedrich Nietzsche existiert der Wille nicht

Arthur Schopenhauer, Verächter der Freiheit, Frauenfeind und auch sonst nicht sehr sympathisch, ist zugleich der Meister der fiesen Listen. Im historischen Abstand erkennt man, dass viele seiner Texte rein ideologisch sind, dass sie eine Natur erfinden, um auf diese Weise bestimmte soziale Strukturen zu rechtfertigen, die eigentlich aus Freiheit bestehen und demnach auch verändert oder abgeschafft werden können. Markus Gabriel hofft, dass die mit Darwinitis und Neuromanie belastete Literatur gegen Freiheit, die in der Gegenwart erscheint, auch spätestens in Zukunft als ideologisch durchschaut wird.

Da man nicht bis dahin warten und auf bessere Zeiten hoffen sollte, muss man auch schon heute eingreifen. Denn es gibt gar keinen Anlass zu einem alles umfassenden metaphysischen Pessimismus, der alle freundlichen durch fiese Listen ersetzt. Ein solches Ansinnen ist eine inakzeptable Zumutung, ebenso wie sich selber und allen anderen prinzipiell zu misstrauen eine Form der pseudowissenschaftlich abgestützten Paranoia ist. Friedrich Nietzsche hat mit seiner Kritik an Arthur Schopenhauer die richtige radikale Lösung erwogen, indem er darauf hinwies, dass es so etwas wie den Willen gar nicht gibt, ja, nicht einmal ein Zusammenspiel von Fähigkeiten und Vermögen, das man als den Willen bezeichnen könnte. Quelle: „Ich ist nicht Gehirn“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies

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