Einsamkeit kann tödlich sein

Die Einsamkeit kann jeden Menschen treffen. Und wer einsam ist, wird häufiger krank als andere. Im schlimmsten Fall kann Einsamkeit tödlich sein. Manfred Spitzer hat in seinem neuen Buch „Einsamkeit“ die neuesten Forschungsergebnisse ausgewertet und beschreibt, welchen gravierenden Einfluss die Einsamkeit auf den Körper und die Seele eines Menschen hat. Das Thema ist brandaktuell, da allein in Deutschland inzwischen rund 17 Millionen Menschen in Single-Haushalten leben. Für viele dieser Singles bedeutet ein solches Leben einen Zugewinn an Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Aber immer mehr von ihnen fühlen sich inzwischen auch einsam. Manfred Spitzer fordert die Einsamkeit nicht länger als „Nebensache“ abzutun. Denn sie ist gefährlicher als andere Krankheiten – sie ist die Todesursache Nummer eins in den westlichen Gesellschaften. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

In der Jugend und im Alter tritt die Einsamkeit am häufigsten auf

Durch die Betrachtung der Einsamkeit als Erleben von sozialer Isolation, das sich aus vielerlei Gründen einstellen kann, eine Eigendynamik gewinnt und dann selbst zum Hauptproblem wird, lässt sich ein differenziertes Bild dieser Krankheit gewinnen. Während des gesamten Lebens eines Menschen tritt Einsamkeit nicht in gleichem Maß auf. Es gibt vielmehr zwei Phasen, in denen sie besonders häufig vorkommt – in der Jugend und im Alter, mit jeweils anderen Ursachen und Folgen. Auch der Stellenwert von Ehe und Familie hat während der vergangenen Jahrzehnte abgenommen, und entsprechend hat die Einsamkeit der Menschen zugenommen.

Hinzu kommt: Es gibt immer mehr ältere Menschen, und sie werden im Mittel immer älter. Wer allerdings glaubt, die Singularität sei ein Trend des Alters, der irrt. Denn er ist bei jungen Menschen stärker ausgeprägt. Manfred Spitzer nennt einen der Gründe: „Die Digitalisierung bringt Menschen nicht, wie oft behauptet wird, zusammen, sondern bewirkt die Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit.“ Neben den neuen Medien befeuert auch ein altes – das Fernsehen – die Einsamkeit junger Menschen.

Eine funktionierende Gemeinschaft sorgt für Glück und Gesundheit

Die Einsamkeit kann im Prinzip jedoch jeden treffen. Betroffene sollten auf keinen Fall solange abwarten, bis das Problem irgendwann auf dem öffentlichen oder gar politischen Radarschirm erscheint. Wer unter Einsamkeit leidet kann sich zum Beispiel um die Vermehrung seiner Kontaktmöglichkeiten und sozialer Unterstützung bemühen. Außerdem sollte er seine sozialen Fähigkeiten trainieren oder eine kognitive Verhaltenstherapie beginnen, um auf diesem Weg neue Gedanken zu erlernen.

Geld macht eher einsam, vor allem, wenn man es falsch ausgibt – viel Geld für Dinge für sich selbst. Wer in gemeinsame Erlebnisse investiert, bekämpft demgegenüber seine Einsamkeit wirksam und auf Dauer, denn sie bleiben ja im Gedächtnis haften. Glück und Gesundheit haben sehr viel mit einer funktionierenden Gemeinschaft zu tun – und damit mit Gerechtigkeit und Gleichheit. Einsamkeit ist kein Schicksal, weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft. Denn jeder Einzelne kann sich mehr um andere kümmern und die Gesellschaft kann dem mehr Raum geben und für eine gemeinschaftsorientierte und damit menschlichere Umgebung sorgen.

Einsamkeit
Die unerkannte Krankheit
Manfred Spitzer
Verlag: Droemer
Gebundene Ausgabe: 317 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-426-27676-1, 19,99 Euro

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.