Fehlende Kontrolle über das eigenen Leben verursacht chronischen Stress

Die Hauptursache von chronischem Stress sind nicht irgendwelche Widrigkeiten, die das Leben nun einmal bereithält. Vielmehr geht er mit dem Erleben einher, den Dingen beziehungsweise der Umgebung gegenüber ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben. Manfred Spitzer ergänzt: „Es ist hier meist nicht irgendein akutes Ereignis gemeint, sondern das dumpfe Gefühl, das eigene Leben nicht im Griff zu haben und den Umständen ohnmächtig ausgesetzt zu sein. Dieses Gefühl der fehlenden Kontrolle über das eigene Leben ist chronischer Stress.“ Es ist also die Ungewissheit einer Situation, die einen Menschen stresst, nicht deren Widrigkeit. Ein weit verbreitetes Phänomen ist dabei der Stress am Arbeitsplatz. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

Arbeit an der Grenze der Leistungsfähigkeit ist besonders belastend

Im Jahr 2016 gaben 60 Prozent der Arbeitgeber an, sich häufig oder zumindest manchmal gestresst zu fühlen. Der Stressfaktor ist dabei davon abhängig, in welchem Maß man seine Arbeitsumgebung kontrollieren kann. Manfred Spitzer beschreibt ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: „Wenn der Chef einen mal anbrüllt und mal ganz nett ist, ohne dass man weiß, warum, löst das Stress aus.“ Wenn man dagegen weiß, dass der Chef montags immer schlecht gelaunt ins Büro kommt, wird man hingegen nicht sehr darunter leiden.

Auch die Gemeinschaft am Arbeitsplatz hat einen nicht unbedeutenden Einfluss auf das Ausmaß des Stresserlebens eines Menschen. Wobei die Arbeit an der Grenze der Leistungsfähigkeit besonders belastend ist. Über Monotonie und Langeweile klagen recht viele Beschäftigte, als belastend wird dies jedoch nur von wenigen erlebt. Der Grund ist einfach: Das macht zwar keinen Spaß, aber es löst auch keinen Stress aus. Der tritt allerdings auf, wenn man keine Informationen zu Entscheidungen und Änderungen am Arbeitsplatz sowie zur konkreten Arbeit erhält.

Ein guter Chef zeigt seinen Mitarbeitern seine Anerkennung und Wertschätzung

Wenn Mitarbeiter nicht beteiligt werden und sich nur als „dumme Ausführungsgehilfen“ des Chefs erleben, dann ist das Stress. Damit wird klar: Die Art, wie ein Chef mit seinen Leuten umgeht, hat einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter. Ein Arbeitnehmer erlebt Einsamkeit, wenn ihn der Chef mit seinen Problemen am Arbeitsplatz im Regen stehen lässt. Das ist laut Manfred Spitzer gerade in Deutschland ziemlich oft der Fall. Nicht geholfen zu bekommen ist mit dem Erleben von Ohnmacht beziehungsweise Kontrollverlust identisch und damit gleichbedeutend mit Stress.

Ein guter Chef gibt soziale Unterstützung, bezieht die Mitarbeiter in Entscheidungen mit ein und zeigt ihnen seine Anerkennung und Wertschätzung. Ein Chef, der sich darüber beschwert, dass die Mitarbeiter zu oft krank sind, sollte sich also selbst an der Nase zupfen, denn er selbst ist eine der wesentlichen Ursachen des Krankenstandes in seinem Betrieb. Denn die Art des Umgangs mit den Mitarbeitern steht in deutlichem Zusammenhang mit deren psychischer und körperlicher Gesundheit. Quelle: „Einsamkeit“ von Manfred Spitzer

Von Hans Klumbies

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