Manfred Spitzer beschreibt die Generation Ich

Als Angehörige der Generation der Babyboomer kann sich Manfred Spitzer noch gut daran erinnern, dass der Drang nach Freiheit und Autonomie, die Ablehnung vermeintlich „verstaubter“ Werte, die Kritik am „System“ etc. in der damaligen Jugendkultur eine bedeutende Rolle gespielt haben. Manfred Spitzer ergänzt: „Unser Verhalten wird den damals schon etwas Älteren wahrscheinlich egozentrisch und wenig einfühlsam vorgekommen sein.“ Damals war man in der Regel als Gruppe unterwegs – man ging gemeinsam demonstrieren und belegte Gruppenseminare zur Selbstfindung. Niemand fand das damals paradox. Man redete damals nächtelang über Probleme, man studierte, wohnte und lebte zusammen. Das war wichtig. Auf die Generation der Babyboomer folgte die Generation X. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

Die jungen Babyboomer bezeichnete man als Generation Ich

Das Aufkommen der Generation X Mitte der Sechzigerjahre fiel mit dem Pillenknick in der gesamten westlichen Welt zusammen, also der deutlich sinkenden Zahl der Geburten aufgrund der Erfindung der Antibabypille. Danach kam die Generation Y, auch Millennials genannt. Die Millennials sind verglichen mit der Generation X wieder zahlenmäßig bedeutsamer, weil es in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu einem erneuten deutlichen Anstieg der Geburtenrate gekommen ist. Die Generation der Millennials wird zuweilen mit den Babyboomer verglichen.

Schon vor 40 Jahren bezeichnetet man die damals jungen Babyboomer auch als die Generation Ich, „mit ihrer unerwarteten Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg: dem von Millionen ganz normaler Leute genossenen Luxus, sich mit sich selbst zu beschäftigen“, wie es der amerikanischen Schriftsteller Tom Wolfe im Jahr 1976 beschrieb. Ganz nach dem Motto der erfolgreichen amerikanischen Werbefachfrau Shirley Polykoff: „Wenn ich sowieso nur ein Leben habe, möchte ich zumindest als Blondine leben.“

Heutzutage ist die digitale Informationstechnik omnipräsent

Manfred Spitzer weiß allerdings, dass sich die Zeiten geändert haben: „Tatsächlich liegen die Dinge bei den Millennials aber völlig anders als vor 40 Jahren. Denn es ist eine Sache, Bewährtes zu hinterfragen, neue Gedanken zu denken oder gar praktisch auszuprobieren, sich selbst zu suchen oder gar neu zu erfinden; und es ist eine ganz andere Sache, in eine Welt hineingeboren zu werden, die ganz anders ist.“ Es ist einfach schon alles da und ganz anders. Der größte Unterschied zu damals ist die Omnipräsenz der digitalen Informationstechnik.

Die neue Informationstechnik hat die Aufmerksamkeit und die Kommunikation, Werte und Haltungen und vor allem das ganz normale Handeln im Alltag völlig verändert. „Selfie“ war bereits im Jahr 2013 vom altehrwürdigen „Oxford-English Dictionary“ als „Wort des Jahres“ ausgerufen worden. Junge Leute bewerten sich und andere nach der Anzahl ihrer Facebook-Freunde und der Likes oder Follower auf Twitter. So entstand für die Generation der Millennials wiederum die Bezeichnung „Generation Me“, für die auch die Bezeichnungen „Look At Me“-Generation oder „Generation Me Me Me“ verwendet wurden. Quelle: „Einsamkeit“ von Manfred Spitzer

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.