Die Momente des Innehaltens sind die intensivsten des Liebesspiels

Der amerikanische Philosoph Robert Nozick (1938 – 2002), ein Kollege Thomas Nagels, widerspricht dem Klischee des prüden Amerikaners mit den Worten des Kenners, indem er sinnfällig die Erregung beschreibt, die nur das Zwischenmenschliche bieten kann: „Manchmal konzentrieren wir uns beim Liebesakt auf die winzigsten Bewegungen, das zarteste Streifen eines Haars, das langsame Wandern der Fingerspitzen oder der Nägel oder der Zunge über die Haut, die geringste Veränderung oder das Einhalten an einem Punkt.“ Die Momente des Innehaltens sind für ihn die intensivsten des Liebesspiels. Ludger Pfeil ergänzt: „Das Warten auf das, was als Nächstes geschieht, schärft die Wahrnehmung aufs äußerste. Das gegenseitige Wissen um die Spannung und die Fokussierung auf die Empfindungen des anderen erhöhen den Reiz weiter.“ Der Philosoph Dr. Ludger Pfeil machte nach seinem Studium Karriere in der Wirtschaft als Projektleiter und Führungskraft und ist als Managementberater tätig.

Es gibt vielfältigere Lüste als die isolierte Lust des Geschlechts

Wer den Begriff der Lust möglichst weit fassen will, dem spante der 1953 geborene Wilhelm Schmid in seiner „Philosophie der Lebenskunst“ eine ganze Palette der Lüste auf, die er einer im umfangreichsten Sinne verstandenen „Kunst der Erotik“ anheimstellt: „Vergessen blieb angesichts der Dominanz des Sex, dass es noch andere und vielfältiger Lüste als die isolierte Lust des Geschlechts gibt: Lüste der Sinne, also des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens und Spürens, die ein inniges, intimes Genießen gestatten.“

Wilhelm Schmid kennt noch weitere Lüste: „Lüste des Denkens und der Reflexion, die sich in der Distanz der Abstraktion vollziehen; Lüste des Träumens und der Phantasie, in denen das Selbst fern ist von jedem Kalkül; Lüste der Erinnerung, die das gelebte Leben zu wiederholen erlauben; Lüste der Lektüre und des Gesprächs, die die Weite des Lebens zwischen Einsamkeit und Gesellschaft erfahrbar machen; Lüste des Lächelns in allen Variationen, die Körper, Seele und Geist zugleich in Vibrationen versetzen; Lüste des bloßen Seins, die sich der Muße und der Gelassenheit verdanken.“

Bestandteil der Kunst der Erotik ist die Inszenierung der Lüste

Die erotische Neigung kann für Wilhelm Schmid zu einem sinnstiftenden allumfassenden und grundlegenden Motiv werden, das ein Leben noch zu retten vermag, wenn alles andere an Bedeutung verloren hat. Sie zu einer Kunstform zu erheben bedarf ausgefeilter Präsentation und kluger Anwendung: „Bestandteil der Kunst der Erotik ist die Inszenierung der Lüste, sind die Rituale, die um die Lüste herum errichtet werden, das Dekorum, der Schleier und die Verkleidung, durch die hindurch sie nur zu erahnen sind.“

Dem Genießer kann also vieles zur Lust gereichen. Kultiviertere Bedürfnisse können auch durch Bildung, Spiel und Kunst befriedigt werden. Das intensive Auskosten wird zu einer bewusst wahrnehmenden und wertschätzenden Geisteshaltung, die sich gegenüber fast allem einnehmen lässt. Der Vergnügungslustige sucht überall nach dem Schönen in der Welt und entdeckt es immer auch für andere mit, die er gerne teilhaben lässt. Er findet es in der Natur wie in der Kunst und an sich selbst. Quelle: „Du lebst, was du denkst“ von Ludger Pfeil

Von Hans Klumbies


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