Faulheit hindert einen Menschen an jeder Form von Tätigkeit

Wer Mut zur Faulheit machen will, verstrickt sich automatisch in einen Widerspruch. Wer die Faulheit ernst nimmt und sie praktizieren will, kann darüber nur wenig sagen, allenfalls müsst er sein Anliegen verraten und fleißig werden. Faulheit hindert einen Menschen an jeder Form von Tätigkeit. Faulheit ist das Gegenteil von Tätigkeit, der Faule ist der Untätige, und dennoch sie ist das „höchste Gut“, das seinem Besitzer ein „ungestörtes Leben“ verspricht. Konrad Paul Liessmann weiß aber auch: „Als höchstes Gut aber, als „summum bonum“ galt den Alten das Glück oder die Glückseligkeit. Dennoch kann man sich die Frage stellen, ob auch Faulheit glücklich machen könnte. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

Faulheit wird gerne als Gegensatz zur Arbeit angesehen

Die Frage nach dem Glück, die in der Faulheit liegen könnte, muss in einer Zeit, die in der Arbeit, der Leistung und im Erfolg ihre zentralen Werte und deshalb auch ihr Glücksversprechen sieht, eine eher verschrobene Ansicht sein. Faulheit ist allerdings kein eindeutiger Begriff. Nach einer These von Roland Barthes ließe sich allein schon aus der Differenz zwischen der griechischen und lateinischen Begrifflichkeit für Faulheit schon eine kleine Philosophie derselben ableiten. Wohl stimmt es: Fast reflexartig bestimmt man die Faulheit als Gegensatz zur Arbeit.

Je nach moralisch-politischer Ausrichtung kann man die Faulheit allerdings auch positiv besetzen, indem man von Muße, Regenerationsphasen und Reflexion über Gott und die Welt spricht. Wer zur Faulheit negativ eingestellt ist, setzt sie eher mit Arbeitsverweigerung, Versorgungsmentalität auf Kosten anderer, willensschwachen Versagern, Nichtstuern, den Müden und Trägen gleich. Der eigentliche Stachel der Faulheit liegt überraschenderweise nicht im Nichtstun. Wer nichts tut, tut eben nichts.

Das reine Nichtstun ist eine zweifelhafte Utopie

Iwan Alexandrowitsch Gontscharows Romanheld Oblomow kann sich einfach zu nichts aufraffen, versinkt in einer Müdigkeit und Trägheit, die der Leser gar nicht so verwerflich findet, auch wenn sie sich einem Standesprivileg verdankt. Aber diese Figur erinnert einen weniger an die zweifelhafte Utopie des reinen Nichtstun als vielmehr daran, dass jede Aktivität des Menschen der Trägheit des Körpers und der Müdigkeit der Seele abgerungen werden muss. Solche Trägheit ist zwar schlimm, aber nicht ganz so schlimm.

Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Viel schlimmer ist der Faule, der faul im Tun ist, der Arbeitende, der in der Arbeit träge und nachlässig ist. Ganze Berufsstände leiden unter diesem Verdacht, Lehrer zum Beispiel oder Beamte.“ Faulheit markiert ein bestimmtes Verhältnis zum Tätigsein. Es ist, worauf Emmanuel Levinas aufmerksam gemacht hat, der gehemmte Beginn eines Tuns, ein Anfang, der über sich nicht hinauskommt, sie ist eine „Unmöglichkeit anzufangen“, und darin ist sie auf den „Vollzug des Anfangs“ reduziert. Quelle: „Mut zur Faulheit“ von Konrad Paul Liessmann (Hrsg.)

Von Hans Klumbies

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