Konrad Paul Liessmann betrachtet Europa unter ästhetischen Gesichtspunkten

Europa, so lautet eine gerne mit abwertendem Unterton vorgetragene These, sei in erster Linie ein ökonomisches Projekt, dem noch die Seele fehle; seit einiger Zeit sei Europa auch ein politisches Projekt, dem es allerdings noch an Demokratie und der Beteiligung der Bürger ermangele; und nicht zuletzt sei Europa ein moralisches Projekt, das den Nationalismus und seine Exzesse ebenso in die Schranken weisen werde wie Fremdenfeindlichkeit, soziale Ungerechtigkeit und jede Form von Ausgrenzung. Konrad Paul Liessmann stellt sich dabei folgende Frage: „Wie wäre es, das europäische Projekt einmal unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten?“ Welche Farbe trägt Europa? Nein, das EU-Blau ist nicht die einzige Antwort. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

Die politische Karte Europas zeichnet sich durch ihre Buntheit aus

Denn wer an Europa denkt, hat doch ein anderes, buntes Bild vor Augen. Das Bild des gegliederten, in drei Richtungen ausgefransten Kontinents, dieses kleinen Vorgebirges des asiatischen Festlandes, wie es Paul Valéry einmal genannt hat, schillert in allen Farben. Jedem, der etwa eine politische Karte Europas betrachtet, muss diese Buntheit in die Augen springen. Diese vielen kleinen farbigen Flecken in der Mitte und im Südosten des Kontinents, die größeren deutlich sich davon abhebenden Gebilde im Westen und Norden, und dann, wie ein Kontrastprogramm, ganz im Osten eine riesige, einheitlich eingefärbte Fläche.

Konrad Paul Liessmann schreibt: „Europa und Russland – das ist, als schöne Kunst betrachtet, der ewige und immer wieder von neuem fruchtbare Kontrast zwischen dem bunten Allerlei auf der einen und einer dominanten Monochromie auf der anderen Seite.“ Die Farben markieren die Souveränitätsansprüche von Nationalstaaten. Sie sind auch das Erbe eines Europas, wie es sich im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert gebildet hat. Vielfalt und Buntheit wechseln mit klaren, großräumigen Strukturen.

Heute hat die Anzahl der souveränen europäischen Staaten dramatisch zugenommen

Wirft man einen Blick auf eine Karte des mittelalterlichen Europas, kann sich das Auge an den unzähligen selbstständigen Farbvarianten kaum sattsehen. Konrad Paul Liessmann behauptet: „Was Schöneres als die Binnenstruktur des Heiligen Römischen Reiches hat es – ästhetisch betrachtet – wohl kaum je gegeben.“ Ein ungeheurer Reichtum an Formen und Farben kann hier bewundert werden, kleinste Einheiten, Fürstentümer en miniature, Stadtstaaten, erste Ansätze zusammenhängender Territorialherrschaften, daneben, darunter und darüber verschiedene Bündnissystem, Zugehörigkeiten, Einflusssphären, Zweideutigkeiten.

Die Umwandlung Europas in ein Konglomerat von Nationalstaaten bedeutet in der Ästhetik ihrer Kartografie die Aufgabe dieser Vielfalt. Eine Europakarte um 1910 kennt nur mehr wenige Farben, klare Grenzen, nur dem differenzierten und kenntnisreichen Blick erschließt sich noch die innere Vielfalt der alten multiethischen Monarchien der Habsburger und Romanows. Bunt wurde es nur dort, wo es immer noch bunt ist: am Balkan. Und heute? Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Europa wieder bunter geworden, gegenüber den Verhältnissen vor einem Jahrhundert hat die Anzahl der souveränen Staaten dramatisch zugenommen. Quelle: „Bildung als Provokation“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies

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