Das Unbehagen am Kapitalismus ist weit verbreitet

Das unbestreitbar Neue am modernen Kapitalismus, wie er seit knapp zwei Jahrhunderten die westliche Wirtschaft formt, ist seine Dynamik. Sie entsteht, weil Unternehmen ihre Gewinne nicht anhäufen, sondern gleich wieder investieren, vorzugsweise in neue Technik, die dazu führt, dass noch mehr und noch billiger produziert und noch mehr Geld verdient wird. Und so weiter. Auf diese Weise wuchs das Vermögen, vermehrte sich die Masse der Konsumgüter, wuchs die Wirtschaft in einem bisher nie gekannten Maße. Allerdings kam es dadurch auch zu einer völlig neuen Ballung ökonomischer Macht. Heute benutzen den Begriff „Kapitalismus“ fast nur noch seine Kritiker. Vor allem bündelt der Begriff das Unbehagen am aktuellen Wirtschaftssystem. An der Tendenz, allem einen Preis zu geben. An dem Trend, für den wirtschaftlichen Vorteil jede Moral beiseite zu stellen.

Kathrin Hartmann kritisiert das Greenwashing der Konzerne

Kritisiert wird der aktuelle Kapitalismus auch deswegen, weil er das Anhäufen von Geld zum Selbstzweck erhebt, die Ungleichheit vergrößert und Menschen und Umwelt ausbeutet. Die Digitalisierung scheint diese Entwicklung noch zu potenzieren und zu beschleunigen. Sie schafft noch schneller unglaubliche Vermögen, drängt den Einzelnen noch gezielter zum Konsum, verbraucht noch mehr Energie. Sie macht den Einzelnen, der seine Arbeitskraft anbietet, noch leichter ersetzbar durch andere Menschen irgendwo auf der Erde – oder durch Roboter und Algorithmen.

Die Globalisierungskritikerin Kathrin Hartmann zertrümmert die Idee, der Kapitalismus könne sich von innen heraus so verändern, dass er menschlich und demokratisch wird, also: gut. Kathrin Hartmann sagt: „Der Kapitalismus lässt sich nicht austricksen. Es muss schon etwas Neues her.“ Ihr Lieblingsthema ist das, was sie „die grüne Lüge“ nennt. Das Greenwashing der Konzerne. Der Selbstbetrug ökologisch bewegter Konsumenten, die glauben, im wohligen Wohlstand ließe es sich genauso weiterleben wie bisher, nur eben grün und fair und sauber.

Solidarität ist durch kein Geld der Welt zu ersetzen

Kathrin Hartmann meint: „Das Problem ist nur, dass drum herum Ausbeutung und Sklaverei und Armut und Umweltzerstörung weitergehen wie gehabt. Der Kapitalismus ist in seinem Kern immer noch der Kampf aller gegen alle, er beruht auf seinem Grundsatz der Ausbeutung – darüber kann auch noch so viel nachträgliche Umverteilung nicht hinwegtäuschen.“ Der Kapitalismus, sagt sie, halte sein Versprechen nicht, dass die Reichen alle mit nach oben ziehen würden. Am vehementesten wirft sie dem aktuellen Wirtschaftssystem vor, dass es Menschen gegeneinander aufbringt.

Jeder auf der Suche nach seinem Vorteil. Jeder für sich. Das, sagt Kathrin Hartmann, sei das eigentliche Problem: die Vereinzelung des Menschen in seiner Funktion als Teilnehmer am Markt. Ihre Gegenutopie ist die Gemeinschaft. Oder, in einem alten Wort: „Solidarität“. Kathrin Hartmann betont: „Man muss das Solidarische erleben, um zu wissen, was es heißt. Sonst versteht man nicht, welche Kraft darin steckt. Was Solidarität einem gibt, kann einem Geld niemals geben.“ „Die Zukunft“, sagt sie, kann man nicht herbeischmusen. Es kommt der Punkt, an dem die Menschen, die ausgebeutet werden, anfangen, sich zu wehren.“ Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies

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