Weise Menschen kennen die Grenzen ihrer Einflussmöglichkeiten

Wer offen auf andere zugeht und sich für ihr Denken und Erleben interessiert, dem wird es schwerer fallen, kein Mitgefühl für sie zu empfinden, als jemandem, der sich Kontakten eher entzieht. Judith Glück fügt hinzu: „Wer viel nachdenkt und sich und andere hinterfragt, wird sich wahrscheinlich auch der Grenzen der eigenen Kontrolle bewusst.“ Sofern er ein gewisses Ausmaß an Sensitivität für die eigenen Gefühle aufweist, wird er sich auch mit diesen auseinandersetzen und viel darüber lernen, wie er konstruktiv mit ihnen umgehen kann. Weise Menschen kennen die Grenzen ihrer Einflussmöglichkeiten, gleichzeitig aber werden sie dort, wo sie tatsächlich Kontrolle haben, auch aktiv und tun das, was sie können. Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Weisen Menschen können auch mit negativen Gefühlen konstruktiv umgehen

Dabei helfen ihnen wahrscheinlich ihre Fähigkeit zur Regelung ihrer Emotionen und ihre Reflektionsfähigkeit. Weise Menschen hinterfragen sich, aber sie kritisieren sich nicht bis zu Selbstzerfleischung. Zudem können sie auch mit negativen Gefühlen konstruktiv umgehen. Menschen werden deswegen weise, weil sie nach Erkenntnis und Wahrheit streben und nicht nach Selbstbestätigung oder Wohlbefinden. Durch ihre Reflektivität setzen sie sich mit den Perspektiven anderer auseinander und erwerben das Wissen, das zur Weisheit gehört, ebenso wie den Wunsch, anderen zu helfen.

Judith Glück betont: „Ich persönlich glaube, dass es nicht nur die Neigung zum reflektiven Denken ist, sondern dass auch eine gewisse Sensitivität und Grundoffenheit erforderlich ist, um sich überhaupt in ausreichendem Maße für die großen Fragen der menschlichen Existenz zu interessieren.“ Wer seine eigenen Gefühle deutlich wahrnimmt und als wichtig betrachtet, wer sich außerdem auch dafür interessiert, wie andere Menschen empfinden, der besitzt schon recht gute Voraussetzungen für die Entwicklung von Weisheit.

Ohne persönliche Motivation führt kein Weg zur Weisheit

Paul Baltes und Ursula Staudinger haben im Zusammenhang mit dem Berliner Weisheitsparadigma, das Weisheit als Expertenwissen definiert, drei Arten entwicklungsfördernder Faktoren vermutet. Zunächst sind das Eigenschaften, die in der Person selbst liegen. Zusätzlich nennen sie aber zwei Gruppen von Faktoren, die generell Voraussetzung für die Entwicklung von Expertenwissen sind. Zum einen sind das ausreichende Gelegenheiten zur intensiven „Übung“, also zur Auseinandersetzung mit den fundamentalen Themen des menschlichen Lebens.

Nach Paul Baltes und Ursula Staudinger kommt noch eine zweite Gruppe von Faktoren dazu, die dafür verantwortlich sind, ob jemand aus Erfahrungen auch tatsächlich Expertenwissen ableiten kann. Dazu gehört vor allem die persönliche Motivation. Vielen Menschen geht es eher darum, sich selbst zu bestätigen, sich Macht über andere zu verschaffen oder auch einfach nur Sicherheit zu gewinnen. Weise wird nur, wer wirklich daran interessiert ist, auch schwierige und schmerzhafte Lektionen aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Quelle: „Weisheit“ von Judith Glück

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.