Weise Menschen sind Meister im kritischen Reflektieren

Weise Menschen denken nach. Sie tun das gerne und mehr als andere Leute, und vor allem denken sie oft etwas weiter. Viele Menschen neigen allerdings dazu, einfachen Erklärungen komplizierter Sachverhalte Glauben zu schenken. Judith Glück nennt ein Beispiel: „Wenn ein Politiker verspricht, ein Problem, an dem bisher alle gescheitert sind, einfach durch gesunden Menschenverstand zu lösen, zieht das hoffnungsvolle Wähler und Wählerinnen an, weise Menschen macht es eher skeptisch.“ Sie wissen, dass die Hintergründe eines solchen Problems komplex sind, dass es viele Beteiligte mit unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen gibt und dass bei einer allzu einfachen Lösung manche – oft die Schwächeren – auf der Strecke bleiben. Weise Menschen, versuchen Lösungen zu finden, die die unterschiedlichen Gesichtspunkte und Interessen ausbalancieren, so dass insgesamt der bestmögliche Kompromiss gefunden wird. Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Weise Menschen streben nach Kompromissen

Robert J. Sternberg hat diese Balance zum zentralen Thema seiner Weisheitstheorie gemacht: „Weise Menschen streben nach Kompromissen, die nach Maßgabe der Möglichkeiten das Wohl aller Beteiligten maximieren.“ Das ist natürlich umso schwieriger, je komplizierter eine Situation ist, und je mehr unvereinbare Bedürfnisse sie beinhaltet. Nicht immer gibt es überhaupt eine Lösung, mit der alle Beteiligten auch nur einigermaßen zufrieden sind. Aber schon die Bereitschaft, mit allen zu sprechen und sich in ihre Sichtweise hineinzuversetzen, kann manchmal eine Konfliktsituation so weit beruhigen, dass die gemeinsame Suche nach einer Lösung möglich wird.

Judith Glück weiß: „Eine differenzierte Sichtweise auf eine komplexe Situation einzunehmen ist natürlich schwierig und nicht immer möglich. Dementsprechend oft fühlen wir uns zu einfachen Lösungen hingezogen.“ Die Kognitionspsychologie spricht hier von sogenannten Heuristiken, gedanklichen Vereinfachungen, die die Urteile und Entscheidungen eines Menschen erleichtern, ihn manchmal aber auch in die Irre führen. Die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik beispielsweise bewirkt, dass man glaubt, dass Ereignisse, die im Gedächtnis sehr präsent sind, auch relativ häufig passieren.

Bei wichtigen Entscheidungen sollte man alle relevanten Punkte berücksichtigen

Es ist keineswegs ein Fehler, seine Entscheidungen auf solche Heuristiken aufzubauen, sofern dadurch keine negativen Konsequenzen zu erwarten sind. Aber wenn man wichtige Entscheidungen trifft, die sich auch auf andere Menschen auswirken, wäre es sehr wichtig, alle relevanten Punkte auch zu berücksichtigen – und das fällt vielen Menschen manchmal schwer. So ziehen sie beispielsweise Heuristiken auch dann heran, um sich das Verhalten anderer Personen zu erklären. Sie neigen oftmals dazu, das Verhalten von Menschen auf ihre Persönlichkeit zurückzuführen und nicht auf die Situation, in der sie sich befinden.

Judith Glück erklärt: „Die Forschung hat klar gezeigt, dass das Verhalten von Menschen sehr oft in hohem Maße von der Situation, in der sie sich befinden, oder von anderen stark schwankenden Faktoren wie die Stimmung oder dem Wetter abhängig ist und dass unsere Persönlichkeit nur in solchen Situationen unser Verhalten erklärt, in denen wir viele verschiedene Handlungsoptionen haben.“ Weise Menschen berücksichtigen den Kontext und die Situation, wenn sie das Verhalten von Menschen beurteilen. Quelle: „Weisheit“ von Judith Glück

Von Hans Klumbies

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