
Januar 26, 2012 | Geschrieben von hkl - Kategorie
Wirtschaft
Für Joseph Stiglitz, der im Jahr 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet wurde, hat die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise grundlegende Mängel im kapitalistischen System oder zumindest in der besonderen Spielart des Kapitalismus, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden ist. Diese Variante wird manchmal auch als amerikanischer Kapitalismus bezeichnet. Joseph Stiglitz schreibt: „Diese Mängel wurden lange Zeit nicht erkannt, weil wir Amerikaner so sehr an unser Wirtschafssystem glauben. Unser Team war um so vieles erfolgreicher gewesen als das unseres Erzfeindes, des Ostblocks.“ Die Selbsttäuschung der Amerikaner wurde noch dadurch verstärkt, dass ihre Wirtschaft viel schneller wuchs, als in fast allen Ländern, mit Ausnahme der chinesischen. Da die Amerikaner aber große Probleme im chinesischen Bankensystem vermuteten, sei es bis zu seinem Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit. Welch ein Trugschluss.
Die Fehlinterpretation von Wirtschaftsdaten ist weit verbreitet
Es ist laut Joseph Stiglitz nicht das erste Mal, dass die Fehlinterpretation von Zahlen, Urteile, die sehr fehleranfälligen Urteile der Wall Street eingeschlossen, maßgeblich beeinflusst hat. Er schreibt: „In den 1990er Jahren wurde Argentinien als die große Erfolgsgeschichte Lateinamerikas hingestellt – als der Triumph des „Marktfundamentalismus“ auf der Südhalbkugel. Die argentinischen Wachstumsstatistiken sahen einige Jahre blendend aus.“
Allerdings übersahen die Analysten, dass wie im Fall der Vereinigten Staaten von Amerika, das argentinische Wachstum auf einem Schuldenberg basierte, der ein langfristig nicht tragfähiges Konsumniveau aufrechterhielt. Im Dezember 2001 erreichte dann die Verschuldung Argentiniens eine kritische Schwelle und die Wirtschaft des südamerikanischen Landes brach zusammen. Selbst heute ist der Glaube in den USA an den amerikanischen Kapitalismus noch so ungebrochen, dass es immer noch Menschen gibt, die bestreiten, dass die amerikanische Wirtschaft vor wirklich großen Problemen steht.
Die US-Wirtschaft ist von tief sitzenden Problemen betroffen
Viele Amerikaner haben die Hoffnung, dass sie nach der gegenwärtigen Durststrecke gleich wieder auf einen Pfad robusten Wachstums zurückkehren könnten. Joseph Stiglitz ist da anderer Meinung und erklärt: „Doch wenn man die US-Wirtschaft genauer unter die Lupe nimmt, erkennt man einige tiefer sitzende Probleme: eine Gesellschaft, in der sogar das Einkommen der Mittelschicht seit einem Jahrzehnt stagniert, eine Gesellschaft, die durch wachsende Ungleichheit geprägt ist; ein Land, in dem – auch wenn es spektakuläre Ausnahmen gibt – die statistischen Chancen eines Amerikaners, es an die Spitze der Einkommenspyramide zu schaffen, geringer sind als im Alten Europa.“
Gemäß Joseph Stiglitz hat in Amerika nicht nur der Finanzsektor, sondern auch weitere Schlüsselsektoren einer Volkswirtschaft, wie das Gesundheitswesen, die Energiewirtschaft und das verarbeitende Gewerbe mit ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen. Für den Nobelpreisträger beschränken sich die Probleme allerdings nicht allein auf die USA. Er schreibt: „Die Ungleichgewichte im Welthandel, die schon vor der Krise bestanden, werden nicht von selbst verschwinden. In einer globalisierten Wirtschaft kann man die Probleme Amerikas nur dann umfassend angehen, wenn man sie in diesem übergeordneten Rahmen betrachtet.“
Von Hans Klumbies
Kategorien: Wirtschaft |
Tags: 20. Jahrhundert, Amerikaner, amerikanische Wirtschaft, Analysten, Argentinien, Ausnahme, Auszeichnung, Bankensystem, Beeinflussung, Chance, chinesische Wirtschaft, Durststrecke, Einkommen, Einkommenspryramide, Energiewirtschaft, Erfolg, Erfolgsgeschichte, Erzfeind, Europa, Fehleranfälligkeit, Fehlinterpretation, Finanzsektor, Gesellschaft, Gesundheitswesen, Glaube, Globalisierung, Hoffnung, Joseph Stiglitz, Kapitalismus, Konsumniveau, Krise, Land, Länder, Lateinamerika, Lupe, Mangel, Marktfundamentalismus, Mittelschicht, Nobelpreis für Wirtschaft, Nobelpreisträger, Ostblock, Pfad, Prägung, Probleme, Rahmen, Robustheit, Schlüsselsektoren, Schuldenberg, Schwierigkeiten, Selbsttäuschung, Spielart, Spitze, Stagnation, Statistik, Südamerika, Südhalbkugel, System, Team, Tragfähigkeit, Triumph, Trugschluss, Ungleichgewicht, Ungleichheit, Urteile, US-Wirtschaft, USA, verarbeitendes Gewerbe, Verbreitung, Vereinigte Staaten von Amerika, Verschuldung, Verstärkung, Volkswirtschaft, Wachstum, Wachstumsstatistik, Wall Street, Welthandel, Weltwirtschaftskrise, Wirtschaftsdaten, Wirtschaftssystem, Zahlen, Zeit, Zusammenbruch |
1 Kommentar »
Für den Journalisten Joachim Käppner, Ressortleiter München bei der Süddeutschen Zeitung, steht Deutschland in der Eurokrise etwas ratlos da. Seiner Meinung nach steht es dort, wo es nach 1945 niemals mehr stehen wollte: als herausragende und dominierende Nation in der Mitte Europas. Joachim Käppner blickt auf das vergangene Jahrhundert zurück und schreibt: „Seine Versuche im [...]
Für Joseph Stiglitz, der im Jahr 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet wurde, hat die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise grundlegende Mängel im kapitalistischen System oder zumindest in der besonderen Spielart des Kapitalismus, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden ist. Diese Variante wird manchmal auch als amerikanischer Kapitalismus bezeichnet. Joseph Stiglitz [...]
In seinem Buch „Parteiendämmerung. Oder was kommt nach den Volksparteien“ analysiert Christoph Seils den gegenwärtigen Umbruch der politischen Verhältnisse und beschreibt, wie eine neue Demokratie in Deutschland aussehen könnte. Die politischen Milieus der so genannten Volksparteien CDU und SPD haben sich seiner Meinung nach aufgelöst und an die Stelle ideologischer Konflikte des 20. Jahrhunderts sind [...]
Gemäß Andreas Wirsching ist die Neue Islamische Präsenz in Westeuropa seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem heiß diskutierten Thema geworden. Er erklärt: „Zu vielen Hunderttausenden und mehr kamen Indonesier und Surinamer in die Niederlande, Pakistaner nach Großbritannien, Türken nach Deutschland, Nordafrikaner nach Frankreich, Italien und Spanien.“ Im Jahr 2008 lebten in den 27 Staaten der Europäischen Union mehr als 19 Millionen Menschen, die aus Regionen außerhalb der EU zugewandert waren. Die große Mehrheit von ihnen sind Muslime – allein in Deutschland leben über vier Millionen von ihnen. Andreas Wirsching ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Der Arbeitsplatz ist entscheidend dafür, welche soziale Stellung ein Mensche in der modernen Gesellschaft einnimmt. Dabei bestimmt der Job nicht nur die Höhe des Einkommens, sondern gleichzeitig auch das Prestige. Überall auf der Welt scheint das fast selbstverständlich zu sein, obwohl dies in früheren Zeiten ganz anders war. Früher verstanden die Menschen unter Arbeit Mühen und Strapazen, sie wurde gering geachtet. Im Griechenland der Antike waren die Sklaven für die harte Arbeit zuständig, während sich die Bürger der Politik und den schönen Künsten hingaben. Erst in der Zeit der Reformation und Aufklärung veränderte sich die Einstellung zur Arbeit entscheidend. Der berühmte Soziologe Max Weber definierte die Arbeit wie folgt: „Sie ist der von Gott vorgeschriebene Selbstzweck des Lebens überhaupt.“
Spannend wie sich die Probleme diesseits und jenseits des Atlantiks gleichen. Wirtschaftswachstum getragen vom Konsum im jeweiligen Land. Konsum, Konsum, Konsum… und wo bleibt hier die Gegenleistung? Wer produziert denn die Güter die konsumiert werden?
Wird im eigenen Land zu wenig produziert und zu viel konsumiert, entstehen Leistungsbilanzdefizite. Diese können nur durch Export der eigenen Währung kompensiert werden. Im Falle der USA werden also USD exportiert bzw. schlicht und ergreifend Schulden gemacht. So beträgt die Neuverschuldung der USA pro Stunde sage und schreibe 280 Millionen USD (280.000.000). Das sind 1 USD pro Bürger pro Stunde.
Doch warum nehmen die Schulden im Kern so zu? Die Antwort liegt in der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist, dass mehr konsumiert als geleistet bzw. produziert wird. Diese Diskrepanz trifft auch für Europa zu, selbst Deutschland, ein Land, das letztlich zu Unrecht Musterknabe bezeichnet wird.
Wollte man diese Diskrepanz auflösen, so würde statt Schuldengeld mehr Schweiß fließen müssen, der Gürtel müsste enger geschnallt werden und, und, und… Doch sind wir diesseits und jenseits des Atlantiks dazu bereit? Uns selbst wenn ja, ist es nicht bereits zu spät?