Joseph Pulitzer: "Die Leser wollen sex and crime"

Joseph Pulitzer, ein gebürtiger Ungar, der nach Amerika ausgewandert war, machte in St. Louis bei der „Westlichen Post“ erste journalistische Erfahrungen und erkannte dabei, dass eine Zeitung nicht nur belehren müsse, sondern auch unterhalten könne. Als er mit 31 Jahren selbst Zeitungsbesitzer der „Post and Dispatch“ geworden war, manifestierte sich die zweite Säule des „Pulitzer-Stils“ Enthüllung und Angriff. In einer der ersten Ausgaben seiner Zeitung schrieb er: „Post and Dispatch wird allen Betrug und allen Schwindel bekämpfen, wo immer und wie immer sie sich zeigen.“

Sex und Verbrechen steigern die Auflagenzahlen

Der junge Zeitungsverleger erkannte schnell, welche Themen die Leser seiner Zeitung besonders interessierten: sex and crime. Mit Schlagzeilen wie „Bekannter Mitbürger stirbt in den Armen seiner Geliebten“ steigerte er die Auflagenzahl von 2.000 auf über 20.000 pro Tag.

Im Alter von 35 Jahren erwarb Pulitzer die New Yorker Zeitung „The World“, die seinem Vorbesitzer nur Verluste gebracht hatte, für 346.000 Dollar. Betrug die Auflage beim Kauf etwa 15.000 pro Tag, erreichte sie nach nur 18 Monaten eine Auflagenhöhe weit über der Marke von 100.000 Exemplaren.

Joseph Pulitzer erkennt die Kraft der Wahrheit

Die Sprache der „The World“ war einfach, kräftig und aggressiv. Karikaturen machten die Reichen und Mächtigen lächerlich. Regelmäßige Berichte über soziale Ungerechtigkeiten etablierten das Blatt als Zeitung der unterprivilegierten Massen. Als Pulitzer 40 Jahre alt war, brach in einem seiner Augen ein Blutgefäß, das andere wurde ebenfalls beschädigt. Er hat nie mehr die volle Sehkraft wiedererlangt. 1887 erblindet er fast völlig.

Den Stil seiner Zeitungen unterzieht Pulitzer zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem Richtungswechsel. Es geht ihm immer mehr um die Genauigkeit der Nachrichten, die Artikel sollen die Aura der Exaktheit, Wissenschaftlichkeit und der Wahrheitsliebe verströmen. Ein Journalist sollte mindestens soviel wie ein Universitätsprofessor wissen, eigentlich wie mehrere Professoren, da er Zusammenhänge zwischen verschieden Themenbereichen herstellen muss. Die analytischen und kombinatorischen Fähigkeiten eines Zeitungsmannes rücken in den Vordergrund.

Der Pulitzerpreis macht den Verleger zur Legende

Das Leben des rastlosen Joseph Pulitzer glich dem einer Tageszeitung: dramatisch, reich an Katastrophen, voll von Ereignissen und Aggressionen. Am Ende seiner Laufbahn zieht Seriosität in sein Leben ein. Er stiftet einen jährlichen Preis für hervorragende Leistungen auf den Gebieten des amerikanischen Journalismus, der Geschichtsschreibung, des Dramas und in der Musik.

Ein bleibender Verdienst dieses Mannes ist es, dass er das Öffentliche in seinen Motivationen, Abläufen und Begleitumständen beschrieben, analysiert und damit für alle Bürger sichtbar gemacht hat. Nur so kann es eine wirksame Kontrolle geben, die zur Voraussetzung jeder demokratischen Gesellschaft geworden ist. An Bord seiner Yacht „Liberty“ im Hafen von Charleston starb Joseph Pulitzer am 29. Oktober 1911 mit den Worten „Leise, ganz leise.“

Von Hans Klumbies

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