So sah Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aus

Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die deutschen Städte in Trümmern. Ihre historischen und industriellen Zentren waren bis zu 80, 90 Prozent zerbombt. Josef Joffe ergänzt: „Total war die moralische Zerstörung nach dem Vernichtungskrieg gegen Juden und andere „Untermenschen“. Die „Stunde null“ wurde zum geflügelten Wort.“ Vor den Deutschen lagen Ächtung und Vergeltung, so weit das Auge reichte. Selbst ein freundlicher Beobachter wie der amerikanischen Deutschland-Historiker Fritz Stern erinnert sich an sein Gefühl des „Misstrauens und der Abscheu“. Doch den Westdeutschen sollte ein dreifaches Glück zuteilwerden. Einmal in der Gestalt von Konrad Adenauer, der 1949 im Bundestag mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt wurde – seiner eigenen. Sein Widersacher, der Sozialdemokrat Kurt Schumacher, stand für einen national-neutralistischen Kurs kontra Westbindung und Integration. Josef Joffe ist seit dem Jahr 2000 Herausgeber der ZEIT.

Der Kalte Krieg bahnte Deutschland den Weg in die Gemeinschaft der Sieger

Zum Zweiten Amerika, das Land, das den Krieg entschieden hatte, aber gnädigerweise nicht die Erinnerungen teilte, die Deutschlands westliche Nachbarn peinigten: die Terrorbombardements von London, Coventry und Rotterdam, die grausame Besatzungsherrschaft quer durch Westeuropa, die massenmörderischen Repressalien gegen Zivilisten wie in Oradour-sur-Glane. Dazu kamen die Schmach der zweifachen Erniedrigung Frankreichs durch die deutschen Siege von 1871 und 1940 sowie der Blutzoll, den Großbritannien im Ersten Weltkrieg entrichten musste.

Der dritte Glücksfall war ironischerweise der nächste Krieg, der Kalte Krieg, der 1946 ausbrach und den geächteten Deutschen den Weg in die Gemeinschaft der Sieger bahnen sollte. Josef Joffe stellt fest: „Die „Umkehr der Allianzen“ war das größte Geschenk. Der neue Feind war nun Moskau, und die Vereinigten Staaten fanden in ihrem Deutschland, den drei Westzonen, rasch einen unwürdigen, aber unverzichtbaren Verbündeten gegen Stalin, den Bundesgenossen von gestern.“

Im Jahr 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet

Die besiegten Deutschen konnten ihr unverdientes Glück nicht fassen – ebenso wenig wie die täglich freundlicher werdende Behandlung durch die Amerikaner. Der Umschwung begann mit der Starthilfe aus dem Marshall-Plan, setzte sich dann fort in der Rettung Westberlins durch die Luftbrücke 1948/49, welche die sowjetische Blockade durchbrach. Der Rest ist bekannt: 1949 die Gründung der Bundesrepublik, 1952 der erste Schritt in die europäische Integration mit der Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft.

Es folgte 1955 die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und deren Aufnahme in die NATO, 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, die 1993 zur Europäischen Union heranwachsen sollte. Im Jahr 2013 waren aus den ursprünglich sechs Mitgliedsstaaten 28 geworden, Nationen, die sich jahrhundertelang an die Kehle gegangen waren. Die Westdeutschen durften Resozialisierung und Rehabilitierung unter dem Schutzschirm der Sieger genießen. Die europäische Integration war der entscheidende Schlüssel dazu. Quelle: „Der gute Deutsche“ von Josef Joffe

Von Hans Klumbies

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