Deutschland steigt vom Paria zur moralischen Supermacht auf

Deutschland hat nach den Verbrechen und dem totalen Bankrott des Dritten Reiches eine erstaunliche Karriere gemacht. Josef Joffe beschreibt in seinem neuen Buch „Der gute Deutsche“ wie es Deutschland gelang, vom schuldbeladenen Paria zur moralischen Supermacht aufzusteigen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Land der Aussätzige der Welt. Heute ist die Zweite Republik das beste Deutschland, das es je gab: liberal, stabil, sozial. Josef Joffe zeichnet die Entwicklung der Bundesrepublik als Bildungsroman, der dem klassischen Dreisprung gehorcht: die Not der Jugendjahre, die Prüfungen der Wanderjahre, Läuterung und Reifung im Erwachsenenalter. Unterwerfung, Besatzung und Zerstückelung prägten die Jahre der Not. Zu den Prüfungen zählen unter anderem die hart umkämpfte Wiederbewaffnung un die Westbindung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer. Josef Joffe ist seit dem Jahr 2000 Herausgeber der ZEIT.

Angela Merkel ist die „gute Deutsche“ schlechthin

Es folgten Schuldbewältigung und Wiedergutmachung, Verzicht und Versöhnung mit dem Osten unter Bundeskanzler Willy Brandt, die bestandene Herausforderung durch den Terror der RAF unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die „Wiedergutwerdung“ war geschafft. Mit der Wiedervereinigung 1990 begann das Leben als Erwachsener. Während die westlichen Freunde das „Vierte Reich“ fürchteten, ging das wieder groß gewordene Deutschland den entgegengesetzten Weg: nie wieder Machtstaat, sondern ein Land, in dem die Moral an erster Stelle stehen sollte.

Der Pazifismus geriet zur nützlichen Zivilreligion. Militärischen Einsätzen entzog sich die Friedensmacht gerne mit der Diplomatie des gezückten Scheckbuchs oder dem Verweis auf eine schreckliche Vergangenheit. Die Republik wuchs zu einer moralischen Supermacht heran. Diese Art der Schuldbewältigung hatte allerdings ihren Preis, nämlich Entlastung und Übertragung. Bundeskanzlerin Angela Merkel verkörpert nach ihren Vorgängern den Endpunkt der Wiedergutwerdung. Sie ist die „gute Deutsche“ schlechthin.

Deutschland genießt weltweit Respekt

Aus dieser wundersamen Karriere folgt für Josef Joffe eins: „Es ist Zeit, den moralisierenden Gestus aufzugeben und die ererbte Schuld in Verantwortung zu verwandeln.“ Vom Waisenkind 1945 zum Wunderkind des 21. Jahrhunderts, das ist eine Leistung, die kein Mensch Deutschland zugetraut hätte. Es hat seine Prüfungen bestanden und ist zum politischen Musterknaben herangewachsen. Diese Karriere rechtfertigt einen Stolz, der auf genuinen Selbstwertgefühlen basiert. Die Republik kann heute Selbstwert aus unzähligen Quellen ziehen.

Dazu zählen neben den bestandenen Prüfungen, die freiheitliche Demokratie, der humanitäre Wertekanon, und der Respekt, den das Land weltweit genießt. Deshalb kann sich Deutschland auch ein freundlichen Verhältnis zur Nation leisten, eines, das nicht von Nationalismus, sondern von Patriotismus geprägt ist. Denn hier klafft ein gewaltiger Unterschied. Der Nationalismus lebt von Selbsterhebung, der Patriotismus von Selbstliebe, die weder aggressiv noch arrogant ist. Im Unglück geboren, hat die Bundesrepublik traumhaftes, unverdientes Glück gehabt, doch sich danach das Glück selber erarbeitet.

Der gute Deutsche
Die Karriere einer moralischen Supermacht
Josef Joffe
Verlag: C. Bertelsmann
Gebundene Ausgabe: 255 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-570-10331-9, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies

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