Die Menschen verdanken ihre Existenz dem Zufall

Jonathan Losos liefert in seinem neuen Buch „Glücksfall Mensch“ vollkommen neue Antworten auf die großen Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens. Die Evolution ist seiner Auffassung nach nicht langsam, sie läuft zuweilen in Windeseile ab – und sie wiederholt sich. Der Naturwissenschaftler erklärt, warum die Menschen ihre Existenz dem Zufall verdanken und man die Evolution dennoch vorhersagen kann. Jonathan Losos ist der prominenteste Vertreter der Experimentellen Evolutionsforschung, die er an Eidechsen, Schildkröten, Schlangen und Krokodilen betreibt. Die Experimentelle Evolutionsforschung bildet derzeit die Speerspitze der Evolutionsbiologie, und sie erlaubt, Theorien über Evolution in freier Natur, in Echtzeit zu überprüfen. In seinem Buch „Glücksfall Mensch“ geht es vor allem darum, in welchem Umfang sich das Leben wiederholt und in welchem Ausmaß verschiedene Arten ähnliche Anpassungen als Reaktion auf sich gleichende Umweltbedingungen entwickeln. Jonathan B. Losos ist Professor für Evolutionäre Biologie in Harvard.

Die Evolution findet auf vielen verschiedenen Wegen statt

Die Evolutionsbiologie unterscheidet sich insofern von anderen Wissenschaften, als ihre grundlegenden Erkenntnisse über die Geschichte des Lebens sich nicht von Grundprinzipien ableiten lassen. Die Evolution findet auf vielen verschiedenen Wegen statt – so gut wie alles, was denkbar ist, hat sich irgendwann irgendwo in irgendeiner Spezies entwickelt. In einem ausreichend großen Zeitraum wird irgendwann sogar das Unwahrscheinliche entstehen. Wie der Mathematiker Ian Malcolm in „Jurassic Park“ sagt: „Das Leben findet einen Weg.“

Seit einigen Jahren vertritt eine Gruppe führender Wissenschaftler die Meinung, Konvergenz sei allgegenwärtig. Konvergenz bedeutet in der Evolution, die unabhängige – nicht auf gemeinsamer Abstammung beruhende – Entwicklung von ähnlichen Merkmalen bei verschiedenen Arten. Daraus folgt: Die Evolution ist deterministisch von der natürlichen Auslese dazu getrieben, die gleichen adaptiven Lösungen für Probleme zu entwickeln, die die Umwelt aufwirft. Dabei beschränkt sich die Konvergenz keineswegs nur auf das Tierreich, sondern ist auch in der Welt der Pflanzen anzutreffen.

Die Menschen sind in der Evolution einzigartig

Wenn man unterschiedliche evolutionäre Welten sehen will und wie sie sich entwickelt haben, muss man nur Neuseeland mit dem Rest der Welt vergleichen. Wenn sich das Leben schon auf dem Planeten Erde in Raum und Zeit so unterschiedlich entwickelt hat, kann man schwerlich erwarten, dass sich Leben auf anderen Planeten parallel zu Leben auf der Erde entwickelt hat. Fakt ist, dass die Menschen in der Evolution einmalig sind. Etwas wie sie hat sich nirgendwo sonst auf der Erde jemals entwickelt.

Wenn nur eines von zahllosen Ereignissen in der Vergangenheit anders verlaufen wäre, hätte es Homo sapiens nie gegeben. Seine Entstehung war keineswegs unvermeidlich, und er hatte Glück, dass er hier ist, dass sich die Ereignisse so abgespielt haben, wie sie es taten. Der kleinste Unterschied in der Vergangenheit wie ein Waldbrand oder eine Mutation hätten der zukünftigen Existenz der Menschen ein Ende setzen können. Dass die Menschen existieren ist das Ergebnis von Milliarden Jahren natürlicher Selektion und den Glücksfällen der Geschichte, die das Leben einen Weg einschlagen ließ und nicht einen anderen. Günstige Fügung? Ja. Bestimmung? Nein.

Glücksfall Mensch
Ist Evolution vorhersagbar?
Jonathan B. Losos
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 380 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-446-25842-6, 26,00 Euro

Von Hans Klumbies

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