Wolfgang von Goethe hat sein Leben als exemplarisch verstanden

Die große beherrschende Figur des literarischen Lebens im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ist Johann Wolfgang von Goethe. Nach Friedrich Schillers Tod (1805), dem Selbstmord Heinrich von Kleists (1811) und dem Rückzug Friedrich Hölderlins (1807) gelang es keinem anderen Autor, eine vergleichbar starke Stellung im Bewusstsein des Publikums, zu erobern. Dies gilt auch für Jean Paul, der von den Schriftstellern der Vormärz-Zeit im Nachhinein zwar als Gegenspieler Johann Wolfgang von Goethes gesehen wurde, der aber mit seiner resignativen Wende nach 1804 keinen Gegenpol zu dem universal ausgerichteten Johann Wolfgang von Goethe bilden konnte. Auch E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff waren von ihrem Temperament und von ihrem Anspruch her einseitiger als Johann Wolfgang von Goethe, in seiner unvollendet gebliebenen Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ sein eigenes Leben als exemplarisch verstanden und sich selbst als historisch-repräsentative Persönlichkeit entworfen hatte.

„Wilhelm Meister“ und „Faust“ nehmen einen zentralen Platz im Alterswerk ein

In seinem Spätwerk thematisierte Johann Wolfgang von Goethe die Epochenprobleme, die er bereits in seiner klassischen Periode zusammen mit Friedrich Schiller programmatisch aufgegriffen hatte, in einer neuen, erweiterten und vertieften Weise. Sein langes Leben eröffnete ihm Erfahrungszusammenhänge, die anderen Autoren verschlossen blieben. Er war nicht nur Zuschauer der nachnapoleonischen Ära, sondern zugleich auch Zeitgenosse und Beobachter des Anbruchs der Moderne, die mit Dampfmaschinen, Aktienwesen, Industrialisierung und Straßenbau ihren Einzug hielt.

Die „Gespräche mit Goethe“ (1836 – 1848), die sein enger und vertrauter Mitarbeiter Johann Peter Eckermann aufzeichnete, zeigen, wie genau Johann Wolfgang von Goethe die sich vollziehenden Wandlungen beobachtet und wie intensiv er sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Die Arbeiten am „Wilhelm Meister“ und am „Faust“ sind die herausragenden Ereignisse in der nachklassischen Phase Johann Wolfgang von Goethes. Beides sind Werke, die Johann Wolfgang von Goethe fast ein ganzes Leben beschäftigt haben und einen zentralen Platz in seinem Alterswerk einnehmen.

Die „Wanderjahre“ weisen als komplexes Symbolgefüge auf die Moderne voraus

Die Arbeit am „Wilhelm Meister“, die nach der Fertigstellung der „Lehrjahre“ über ein Jahrzehnt geruht hatte, nahm Johann Wolfgang von Goethe nach 1807 wieder auf. Im Jahr 1821 erschien die erste Fassung der „Wanderjahre“ mit dem Zusatz „oder die Entsagenden“, 1829 die endgültige Fassung, die den Untertitel „Roman“ nicht mehr trug. In den „Wanderjahren“ erweiterte Johann Wolfgang von Goethe den ursprünglichen Rahmen der Geschichte nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, indem er Wilhelm wiederum auf die Wanderschaft schickte und ihm neue Erfahrungswelten eröffnete, sondern auch dadurch, dass er die traditionellen Grenzen des Romans strukturell weit überschritt.

In der Mischung von epischen und lyrischen Passagen, in der komplizierten Wechselwirkung zwischen Rahmenhandlung und eingefügten Novellen und in dem Nebeneinander von dokumentarischen und fiktionalen Einschüben stellen die „Wanderjahre“ ein erzählerisches Experiment dar, das als komplexes Symbolgefüge auf die Moderne vorausweist. Die ursprünglich als Einlage für die „Wanderjahre“ geplante Novelle „Die Wahlverwandtschaften“ weitete sich so aus, dass Johann Wolfgang von Goethe sie zu einem eigenen Roman verarbeitete (1809). Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies

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