Selbststeuerung ist keine angeborene Eigenschaft

Besonders hilfreich kann das Wissen um die Geheimnisse der Selbststeuerung bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen sein, deren Selbststeuerung meistens noch zu wünschen übrig lässt. Diesen Mangel kann man den Jungen allerdings nicht verübeln, denn eine funktionierende Selbststeuerung ist keine angeborene Eigenschaft. Angeboren ist lediglich die Fähigkeit, sie zu erwerben. Bei diesem Erwerb spielen die Erwachsenen eine entscheidende Rolle, der sie allerdings seit geraumer Zeit nicht mehr hinreichend nachkommen. Joachim Bauer stellt fest: „Jeder Mensch ist anders. Daher gibt es nicht den einen, richtigen Weg zu guter Selbststeuerung. Jede und jeder muss sie eigene, für sich persönlich richtige Route finden.“ Zur Kunst der Selbststeuerung gehört, auf zahlreiche, der bewussten Wahrnehmung leicht entgehende Versuche der Beeinflussung zu achten. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Ohne Selbstkontrolle geht viel Freiheit verloren

Gnadenlose Selbstkontrolle macht allerdings keinen Sinn. Die pauschale Verfolgung triebhafter Grundbedürfnisse und eine feindselige Haltung gegenüber den genüsslichen Seiten des Lebens sind unmenschlich, destruktiv und letztlich zum Scheitern verurteilt. Umgekehrt allerdings reduziert der Wegfall von Selbstkontrolle das Verhalten des Menschen auf Automatismen von Reiz und Reaktion, ein Trend, der sich in den letzten Jahren vor allem in den westlichen Wohlstandländern beobachten lässt.

Wer keine Selbstkontrolle ausüben kann, für den ist jeder Reiz, der unmittelbare Befriedigung verspricht, eine unwiderstehliche Versuchung. Ohne Selbstkontrolle gibt man den Freiheitsraum, der sich einem dadurch bietet, dass man mehrere Handlungsmöglichkeiten gegeneinander abwägt, verloren. Joachim Bauer warnt: „Tatsächlich ist dieser Freiheitsraum – und damit der freie Wille des Menschen – massiv bedroht.“ Das Zustandekommen einer Entscheidung erfolgt nicht im luftleeren Raum, sondern immer in einem Zusammenhang.

Ohne Nervensystem sind mentale Prozesse nicht vorstellbar

Dieser Kontext wird von der Biologie des menschlichen Körpers, der ihn umgebenden materiellen Welt, den gesellschaftlichen Verhältnissen und den sozialen Beziehungen gebildet. Alle diese Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Sie erzeugen die zahlreichen Vorbedingungen der Existenz und bilden gemeinsam den Rahmen für die Entscheidungsfindungen. Zur Freiheit des Willens äußerte Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) die Überzeugung, „dass der Mensch immer etwas aus dem machen kann, was man aus ihm macht.“

Jean-Paul Sartre fährt fort: „Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bestimmten Menschen ein Wesen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.“ Die Hirnforscher gehen hingegen davon aus, dass alles menschliche Fühlen, Denken und Handeln neurobiologische Korrelate hat. Ohne Nervensystem sind mentale Prozesse, jedenfalls aus naturwissenschaftlicher Sicht, nicht vorstellbar. Frei kann der menschliche Wille jedenfalls nicht in dem Sinne sein, dass er sich losgelöst von seinen neurobiologischen Korrelaten und unabhängig von den vielen Vorbedingungen bilden könnte, von denen die menschliche Existenz abhängt. Quelle: „Selbststeuerung“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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