Die frühe Sozialisation prägt den Optimismus oder den Pessimismus

„Liebe allein genügt nicht“, hat der berühmte Psychoanalytiker Bruno Bettelheim über die Sozialisation des Menschen geschrieben, aber ohne Liebe besteht kaum Hoffnung für den Optimismus. Jens Weidner erläutert: „Fehlende Zeit lässt sich nicht durch Geld und teure Geschenke kompensieren, so materiell sind junge Menschen nicht, sie verzweifeln eher an der fehlenden Zuneigung und Wärme, sie verzweifeln auch an manchen prägenden Karrierekillerphrasen bedenkenloser Eltern, die zur Grundlage ihrer pessimistischen Lebenseinstellung werden.“ Der schlimmste Satz, den Jens Weidner in einem Beratungsgespräch gehört hat, lautet: „Wir hätten dich abtreiben sollen. In diesem Moment hätte er die Eltern schlagen können. Denn Kinder, die sich so etwas in jungen Jahren anhören müssen, vergessen das nie, und sie werden im Leben alles dafür tun, dass sich solche Kränkungen nicht wiederholen. Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie.

Der Freundeskreis sorgt für die sekundäre Sozialisation

Deshalb legen sie sich einen Schutzschild der Omnipotenz zu, der erst gar keine Zweifel aufkommen lässt. Steigen derart sozialisierte Menschen die Karriereleiter hinauf, schießen sie schnell über das Ziel hinaus, denn sie müssen kompensieren und sich beweisen, auch auf Kosten anderer. Die frühe Sozialisation prägt also den Optimismus oder – wenn es schlecht läuft – den Pessimismus. Das Zutrauen in sich und in Gott und die Welt will gelernt sein und hier kommt die sekundäre Sozialisation ins Spiel, denn sie untersucht den Einfluss von Bildungseinrichtungen und Freundeskreises auf junge Menschen.

Erfolgsorientierte Eltern, die eine gute Erziehung leisten wollen, werfen natürlich einen Blick auf den Bekanntenkreis ihrer Kinder. Sportvereine, kirchliche Aktivitäten oder die Pfadfinder werden gefördert, denn derartig prosoziale Aktivitäten schützen vor dem Abdriften in eine delinquente Richtung, so der amerikanische Kriminologe Edwin Sutherland in seiner Theorie der differentiellen Gelegenheiten. Wer bei Sportlern integriert ist, wird sich mehr um gesunde Ernährung und die eigene Kondition kümmern, als um Alkohol- oder Drogenexzesse.

Gute Erziehung ist keine punktuelle Intervention

Jens Weidner erklärt: „Die sekundäre Sozialisation ermöglicht Lebenserfahrungen in unterschiedlichen Milieus, mit unterschiedlichen Einstellungen und unterschiedlichen Lebensstilen. Diese Erfahrungen erweitern den Horizont und fördern Toleranz – leben und/leben lassen.“ Diese Verhaltens- und Kulturtoleranz ist in der internationalen Lebens- und Geschäftswelt von unschätzbarem Wert. Gleiches gilt für die leistungsunabhängige Liebe der Eltern, denn sie ist die Basis für ein unbändiges Selbstbewusstsein, sie bildet die Grundlage, bei Fehlentwicklungen erfolgreich gegensteuern zu können.

Zu Fehlentwicklungen zählen Süchte, die über das jugendtypische Maß hinausgehen, wenn der Genuss die schulische, berufliche und familiäre Entwicklung überstrapaziert. Hier heißt es für die Eltern, am Ball zu bleiben, Geduld aufzubringen, nicht in einen Pessimismus zu verfallen und Zeit zu investieren. Jens Weidner betont: „Gute Erziehung ist keine punktuelle Intervention, sondern ein ständiger, begleitender Dauerlauf.“ Manch karrieristische Eltern stellen sich allerdings an diesem Punkt taub. Sie versuchen ihren Zeitmangel den Kindern gegenüber mit Wohlstand zu kompensieren, weil ihre Berufe weder freie Zeit noch Geduld fördern. Quelle: „Optimismus“ von Jens Weidner

Von Hans Klumbies

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