Jens Weidner enttarnt den heimlichen Optimisten

Heimliche Optimisten sind in Deutschland weit verbreitet. Sie nehmen das Übelste an, denn dann kann es nur besser werden. Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann fällt nach eigenen Angaben ebenfalls in diese Kategorie, auch wenn er es noch etwas drastischer ausdrückt: „Ich würde mich als defensiven Pessimisten bezeichnen.“ Heimliche Optimisten bereiten sich auf alle Eventualitäten vor und vor diesem Hintergrund erledigen sie ihre Arbeit. Jens Weidner ergänzt: „Erwartungen hängen sie niedrig, dann ist deren Erfüllung wahrscheinlicher. Dieser Minimalismus macht ihnen gute Laune.“ Diese Strategie erscheint den heimlichen Optimisten als der sicherste Weg zum Glück. Sie definieren sich als defensive Glückssucher, weil sie ihre niedrigen Erwartungen schnell übertreffen. Dabei wusste Johann Wolfgang von Goethe schon anno 1771, worin der Schlüssel zum wahren Optimismus liegt, nämlich in der Liebe. Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie.

Im Beruf ist der heimliche Optimist defensiv ausgerichtet

Johann Wolfgang von Goethe schreibt in „Willkommen und Abschied“: „Ich sah dich und die milde Freude floss aus dem süßen Blick auf mich. Ganz war mein Herz an deiner Seite, und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbenes Frühlingswetter lag auf dem lieblichen Gesicht und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter, ich hofft es, ich verdient es nicht.“ Der Glücksphilosoph Aristippos von Kyrene sieht das pragmatischer. Glück gelangt demnach, wenn zwei Dinge umgesetzt werden: die Maximierung der Lust bei gleichzeitiger Reduzierung des Schmerzes.

Beruflich ist der heimliche Optimist defensiv ausgerichtet. Die zweite Reihe reicht ihnen allemal. Man ist oben, aber nicht voll verantwortlich. Jens Weidner fügt hinzu: „Zudem ist er ambivalent, denn er wünscht sich Wachstum, ohne aber Bestehendes zu verändern. Seine sehr geringe Risikobereitschaft passt zu seinem eher geringen Ehrgeiz, nur keine Experimente, nur keine Unruhe!“ Er zeichnet sich durch eine kleinmütige Ausstrahlung aus, ein bisschen wie ein Gartenzwerg: fröhlich lächelnd, aber am liebsten im eigenen Vorgarten.

Der heimliche Optimist favorisiert eine Nice-Guy-Haltung

Das Sicherheitsbedürfnis des heimlichen Optimisten ist sehr ausgeprägt. Den Urlaub verbringt er am liebsten im eigenen Land. Ist das spießig und konservativ? Den heimlichen Optimisten stört das nicht, er sieht sich im Mainstream der Mehrheitsgesellschaft. Nichtsdestotrotz sollte man den heimlichen Optimisten im Geschäftsleben nicht unterschätzen, denn er ist durchaus gewillt, das Feld von hinten aufzurollen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Er forciert diese Situationen nicht, aber wenn sie sich ohne sein Zutun bieten, dann ist er zur Stelle.

Aufgrund dieser Passivität hält sich der heimliche Optimist im Wettbewerb für den besseren Menschen: nicht auf die Karriere fixiert, ein Gegenentwurf zu den Aufsteigern, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Ellenbogen ohne Rücksicht auf die Konkurrenz einsetzen. Der heimliche Optimist favorisiert seine Nice-Guy-Haltung. Er passt sich an und schlängelt sich bei beruflichen Konflikten durch, ohne negativ aufzufallen. Er gefällt sich in dieser Strategie des Lavierens. Das klappt allerdings nicht immer. Quelle: „Optimismus“ von Jens Weidner

Von Hans Klumbies

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